Einander aufschaukelnde Wettermärkte und Spekulation befeuern Getreidekurs-Rallye

Von Mais, Eiweiß und Ölen profitiert auch Weizen - Heimischer Markt zieht mit

Wien, 23. April 2021 (aiz.info). - Frost im Mittelwesten der USA, Trockenheit im Sommerweizengebiet der USA, in Europa sowie Brasilien. Dadurch entfachte Versorgungsängste an nervösen Wettermärkten treiben dieser Tage die Kurse von Mais, Eiweißfrüchten und Ölsaaten sowie in deren Gefolge auch von Weizen steil in die Höhe. Den Turbo für die Rallye starteten spekulative Käufe von Anlegern. Der heimische Kassamarkt entzog sich dem nicht, fuhr aber mit mäßigen Befestigungen der dieswöchigen Notierungen von Brot- und Futterweizen sowie Futtermais an der Wiener Produktenbörse wie immer gemächlich hinterher. Zudem wurden kaum nennenswerte Mengen gehandelt. Die Vermarktung der Ernte 2020 ist schon sehr weit fortgeschritten. So extreme Preissprünge an den Terminmärkten lähmen normalerweise - und das nicht nur hierzulande - die physischen Märkte, weil die Beteiligten der Nachhaltigkeit misstrauen. Brotgetreidepreise neuer Ernte würden auch nur zaghaft besprochen. Preisnennungen für Rapskäufe von Ölmühlen im In- und umliegenden Ausland zeigen deutliche Steigerungen nicht nur für alte, sondern nunmehr auch für neue Ernte.

Angezogen wird die Rallye an den Terminmärkten von Mais. Die Befürchtung der Anleger lautet, die Kälte in den USA könne frisch bestellten Maiskulturen schaden beziehungsweise die Aussaat noch weiter verzögern. Hinzu kommt Trockenheit in Brasilien, die - obwohl 2020/21 insgesamt ein Rekord von 107 Mio. t Maisertrag erwartet ist - die zweite Maisernte des Landes schmälere. Dies weckt Ängste, der weltweite Bestandsabbau beim Mais werde noch rascher voranschreiten als bisher angenommen und die auf einem Fünfjahres-Tief befindlichen globalen Getreidelager würden noch stärker abschmelzen. In den USA mache sich auch eine knappe Versorgung der Bioethanolindustrie mit Mais bemerkbar. Ebenso ist Pflanzenöl etwa für Biodiesel knapp verfügbar und Raps - in der EU so und so schon zu wenig - falle in der Union und in Kanada Frost zum Opfer. Zudem seien die wichtigen Sonnenblumenöllieferanten der Union - die Ukraine und Russland - schon ausverkauft.

China kauft für seine Tierfütterung nach wie vor das weltweite Getreide-, Mais- und Sojaangebot leer. Somit gingen jetzt mit den Mais- auch die Sojabohnen- und Rapsnotierungen durch die Decke. Und nicht zuletzt profitiert Weizen als alternatives Futtermittel von der weltweiten Protein- und Ölsaatenknappheit, obwohl die Brotweizennachfrage am Weltmarkt kurz vor der neuen Ernte auf der Nordhalbkugel sehr ruhig ist. So soll Frankreich dieser Tage 500.000 t Weizen neuer Ernte - wahrscheinlich als Futterware - zur Lieferung zwischen Juli und September an China verkauft haben. Die Kälte im Mittelwesten der USA habe möglicherweise auch den Winterweizenbeständen geschadet, wohingegen die Sommerweizenaussaat unter Trockenheit leide. In Europa stehe es um die Bestände in der Ukraine und in Russland recht gut, dennoch revidierte der Marktkonsulent IKAR am Donnerstag die Weizenernteprognose für Russland von zuletzt 81 Mio. t auf 79,5 Mio. t hinunter. Zuletzt stockten die Weizenausfuhren vom Schwarzen Meer auch nicht nur aufgrund der von Moskau verhängten Exportzölle, sondern auch wegen der Spannungen zwischen Russland und der Ukraine. FranceAgrimer setzte gegen Ende der Woche die Bonitierung für die Weizen- und Gerstenbestände etwas herab, sie bleiben aber trotz der Frühjahrsfröste über den Vorjahreswerten. Die Kälte hätte eher Wein, Zuckerrüben oder Raps als dem Getreide zugesetzt - dieses sei eher durch Trockenheit gefährdet.

Aufschaukelnde Wettermärkte und Spekulation treiben Terminmärkte in die Höhe

Vor dem Hintergrund extrem nervöser, einander aufschaukelnder Wettermärkte und dem Phänomen, dass Investmentfonds zurzeit offensichtlich jede sich nur bietende Gelegenheit suchen, in Agrarrohstoffe zu investieren, gipfelten die Preissprünge ausgehend von der CBoT in Chicago mit den höchstmöglichen Tagesgewinnen (Limit-up) für Mais und Weizen in einen vorläufigen Höhepunkt. Mais erreichte ein Achtjahres-Hoch. Ebenso ging der Sojabereich nach einer zuvorigen Abkühlung wieder durch die Decke auf den höchsten Stand seit 2014. Soft Red Winter zur Lieferung im Juli durchstieß an der CBoT erstmals seit 2014 die als Schallmauer geltende Marke von 700 US-Cents/bushel (257,21 USD/t bzw. 213,52 Euro/t). Dem folgte auch die Euronext in Paris: Der bald auslaufende Mai-Mahlweizenkontrakt schloss am Donnerstag mit 238,50 Euro/t und schnellte um 9,5% zum Schlusskurs vom vorigen Freitag in die Höhe, der September legte in diesem Zeitraum um 6,8% auf 220,75 Euro/t und der mittlerweile am stärksten gehandelte, die neue Ernte abbildende Dezember-Weizenkontrakt um ebenso viel auf 220 Euro/t zu. Der Schlusskurs des Pariser Maisfutures stieg vom vorigen Freitag bis am Donnerstagabend zur Lieferung im Juni um 6,1% auf 233,75 Euro/t und der November-Termin um 7,3% auf 208,25 Euro/t. Besonders extrem jedoch Raps: Der Future auf alte Ernte zur Lieferung im Mai explodierte binnen Wochenfrist um 16,9% auf das Rekordhoch von 595,25 Euro/t. Und während sich die auslaufende Ernte der unglaublichen 600-Euro-Marke annäherte, übersprang Raps der neuen Ernte 2021 zur Lieferung im August die 500er-Schwelle mit einem Wochengewinn von 6,2% auf 509,00 Euro/t.

Am Freitagmittag kühlten - möglicherweise oftmals vor den Wochenenden getätigten Gewinnmitnahmen geschuldet - die Weizen- und Maiskurse sowie Raps neuer Ernte etwas ab, wohingegen der Raps alter Ernte seinen Anstieg fortsetzte.

Österreichischer Kassamarkt folgt internationalen Trends gemächlich

Die Preise am heimischen Kassamarkt und damit die Wiener Notierungen von Premiumweizen, Mahlroggen sowie Lieferungen von Futterweizen und -mais aus dem EU-Raum folgten am Mittwoch dieser Woche zwar den von Wettermärkten bestimmten Terminbörsen wie der Euronext in Paris. Die gehandelten Mengen seien allerdings, so Brancheninsider, hierzulande angesichts des weit vorangeschrittenen Vermarktungsstandes der Ernte 2020 sowie der Unsicherheit über die Nachhaltigkeit der Vorgaben vom Weltmarkt bescheiden geblieben. Für die Reste, die aber noch benötigt würden, müssten die Käufer nahezu alle Preisforderungen von Abgebern akzeptieren. Preise der kommenden Ernte 2021 würden angesichts der Verunsicherung nur zaghaft besprochen.

Die Wiener Premiumweizennotierung weist trotz ihres Anstiegs auf 212 bis 217 Euro/t nunmehr wieder einen größeren negativen Abstand zu den aktuellen Pariser Mahlweizenkursen auf - ein Zeichen des vorsichtiger dem internationalen Auf und Ab folgenden heimischen Kassamarktes, so Beobachter.

Bei den Ölsaaten seien die von den Ölmühlen in und rund um Österreich bezahlten beziehungsweise zwischen den Marktpartnern diskutierten Preise in der abgelaufenen Woche nicht nur für alte Ernte gestiegen, sondern entsprechend den Wettermärkten auch für die der bevorstehenden neuen Ernte.

Anstöße für Überlegungen zu Preisabsicherung und Anbau

Die Kursanstiege an der Euronext bieten Anstöße für die Landwirte, die Absicherung von Preisen der kommenden Ernte in Erwägung zu ziehen. Dabei gilt es zwischen den Risiken abzuwägen, ob die aktuellen Notierungen, von denen Erzeugerpreise abgleitet werden können, schon den Höhepunkt erreicht haben - nämlich, ob sie entweder noch weiter steigen oder wieder sinken werden. Die Frage läuft letztlich darauf hinaus, wann habe ich genug?

Und zudem bietet die Tatsache, dass die aktuelle Preishausse von den Märkten für Eiweißpflanzen sowie Ölsaaten ausgeht und vor allem die EU strukturell ein eklatantes Defizit daran aufweist, Anlass dafür, den Anbau von Sojabohnen anstatt von Mais zu überlegen. Denn bisher leiden die Landwirte in der EU eher unter dem Proteinmangel anstatt davon zu profitieren. Denn für die Veredelung müssen sie Protein teuer vom Weltmarkt zukaufen anstatt in der Produktion an hohen Ölsaatenpreisen zu verdienen - auch weil ihnen mit den Einschränkungen im Pflanzenschutz systematisch immer mehr die Lust am Anbau von Raps genommen wird. (Schluss) pos

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