Feilschen um Öffnung von Ukraine-Exporten hält Getreidemärkte in Atem

Die internationalen Getreide- und insbesondere die Weizenmärkte scheinen - noch - nicht so richtig an ein Abkommen zur Eröffnung sicherer Seewege für die Wiederaufnahme der blockierten Getreideexporte und an eine Entspannung der Versorgungslage insbesondere in ärmeren und importabhängigen Ländern zu glauben. In Österreich wiederum begannen sich Abgeber neuerlich zurückzuziehen und der Brotweizenmarkt verlor wiederum seinen Schwung aus der Vorwoche.

Ebnen Deals hinter Kulissen Weg für Abkommen? - Kritik rund um humanitäre Korridore

Wien, 15. Juli 2022 (aiz.info). - Die internationalen Getreide- und insbesondere die Weizenmärkte scheinen - noch - nicht so richtig an ein Abkommen zur Eröffnung sicherer Seewege für die Wiederaufnahme der blockierten Getreideexporte und an eine Entspannung der Versorgungslage insbesondere in ärmeren und importabhängigen Ländern zu glauben. In Österreich wiederum begannen sich Abgeber neuerlich zurückzuziehen und der Brotweizenmarkt verlor wiederum seinen Schwung aus der Vorwoche.

Der Krieg in der Ukraine tobe heftiger denn je, heißt es zu den vermeintlichen Verhandlungserfolgen. Der Teufel für so ein Abkommen stecke im Detail, es sei noch eine ganze Reihe kniffliger Fragen zu lösen und so schnell und mir nichts, dir nichts seien Exporte bei zerstörter Hafeninfrastruktur und über verminte Seewege nicht in Schwung zu bringen.

Können Deals der USA und EU hinter den Kulissen Weg für Abkommen ebnen?

Nun gab das Finanzministerium der nicht unmittelbar an den Verhandlungen um die Öffnung der Ukraineexporte beteiligten USA just einen Tag nach diesen Gesprächen eine schriftliche Erklärung zur Erleichterung von Agrar- und Düngemittelexporten aus Russland ab. Demnach würden die USA Banken, Reedereien und Versicherungsunternehmen versichern, dass die Abwicklung derartiger Exporte nicht gegen ihre über Russland verhängten Sanktionen verstößt. Ebenso solle die EU-Kommission laut Reuters am Freitag unter Berufung auf Brüsseler Kreise kurz davor stehen, ihre Russland-Sanktionen so anzupassen, dass sie russische Lebensmittel- und Agrarausfuhren nicht treffen.
 
Ein offensichtlich parallel hinter den Kulissen der offiziell zwischen den vier Parteien UNO, Türkei, Russland und der Ukraine laufenden Gespräche getätigter Deal über Zugeständnisse der USA und der EU an Russland käme den Forderungen der UNO entgegen, Getreide sowohl aus der Ukraine als auch aus Russland müsse dem Weltmarkt zur Verfügung stehen. In Russland wurde die Erklärung des US-Finanzressorts als Zeichen des guten Willens und echter Schritt zur Bekämpfung des Hungers auf der Welt begrüßt. Nun bleibt abzuwarten, ob und wie dies den unter Vermittlung von UNO und Türkei stehenden Verhandlungen mit Russland und der Ukraine den Weg zu einem erfolgreichen Abschluss ebnen kann.
 
Kritik: Öffnung der Seewege dauert zu lange und lenkt von Ausbau humanitärer Korridore ab
 
Indes wird von Marktteilnehmern Kritik laut: Die Öffnung der Seewege über das Schwarze Meer für die Ukraine dauere zu lange und lenke von kurzfristig notwendigen Bemühungen und Investitionen ab, die Exportwege aus der Ukraine über Land in die EU oder zu Häfen für die Verschiffung nach Übersee leistungsfähiger zu machen. Nach wie vor stauten sich Lieferungen an den Grenzen zur EU wegen Verzögerungen bei den Verzollungsformalitäten, Engpässen an Zwischenlagern und Verladekapazitäten, Loks und Waggons beziehungsweise LKW. Dies ziehe unter anderem nach sich, dass Getreide- oder Mais aus der Ukraine nicht in die Exporthäfen oder zu den Verarbeitern im westlichen EU-Raum weitergereicht werde, sondern in den grenznahen EU-Regionen strande und dort die lokalen Märkte und Preise unter Druck bringe. 
 
Kritik auch an Missbrauch und Versagen humanitärer Korridore 
 
Die massivste Kritik von Marktbeteiligten erfahren jedoch exorbitant und das in der restlichen Union ohnehin schon inflationäre Ausmaß weit überschießende Verteuerungen von Agrartransporten aus dem an die Ukraine angrenzenden EU-Raum. Man spricht von horrenden, durch kein Risiko oder durch keine realen Kosten begründbaren Aufpreisen, die in ihrer Einheitlichkeit noch dazu den Eindruck erwecken könnten, als wären sie kartellmäßig abgesprochen. Die von der EU als "humanitär" gedachten Exportkorridore für die Ukraine drohten damit, so ein Brancheninsider, zu "Spekulations-Korridoren" zu mutieren. Nachdem die Märkte ob ihres Missbrauchs hier versagten, könne nur mehr die Politik für Ordnung sorgen. Zum anderen hätten die extrem hohen Kosten für den Transport ukrainischer Ware zu westeuropäischen Verarbeitern zur Folge, dass diese den eigentlichen Produkterlös unter die Gestehungskosten der Produzenten drücke. Dies wiederum lasse entweder noch mehr Getreide und Mais aus der Ukraine in Grenznähe zur EU stauen oder lasse ukrainische Landwirte überlegen, ob sich das Dreschen des Getreides oder ein weiterer Anbau überhaupt noch auszahle. 
 
Ernteprognosen für EU neuerlich verschlechtert
 
Gleichzeitig aber verschlechtern sich mit Hitze und Trockenheit die Ernteprognosen in der EU und bei anderen wichtigen Weizenproduzenten wie Argentinien weiter. Die französische Analyse Strategie Grains revidierte dieser Tage die Weizenernte der EU um 1,1 Mio. t auf 123,3 Mio.t, die von Gerste um 0,7 Mio. t auf 49,6 Mio. t und die Maisprognose um 1,4 Mio. t auf 65,4 Mio. t hinunter. Aktuelle Meldungen von den Ernten aus Ungarn oder Rumänien bestätigen dies. Es ist von niedrigen Erträgen und schwachem Hektolitergewicht die Rede. Es heißt, in Ungarn setzten sich die Produzenten und Lagerhalter deshalb auf ihre Ware, um die Preise noch weiter nach oben zu treiben. Dies habe das Preisniveau von Getreide in Ungarn schon über das in EU-Ländern in der unmittelbaren und mittelbaren Nähe getrieben. Und dies wiederum nährt Befürchtungen, dass die Regierung in Budapest die davongaloppierenden Lebensmittelpreise im Land dazu bewegen könnte, die Bremse für Agrarexporte anzuziehen.
 
Für die EU insgesamt, so Strategie Grains, zeichne sich wegen des noch länger befürchteten Ausfalls der Ukraine ab, trotz kleinerer Produktionsmengen stärker im Export von Weizen und Gerste gefordert zu sein und gleichzeitig - auch wegen der Unsicherheit Serbiens - weniger Mais für den Import zur Verfügung zu haben. Zurzeit läuft der Weizenexport aus der Union - auch dank des unter die Parität mit dem US-Dollar gefallenen schwachen Euros - auf Hochtouren. Auch US-Exporteure profitierten trotz des starken Dollars von zuletzt wegen der gefallenen Weizenpreise stärkerer Weltmarktnachfrage.
 
Weizenpreise dennoch jüngst wieder abgeschwächt
 
Dennoch schwächten sich die Weizenpreise jüngst wieder ab - an der CBoT in Chicago praktisch wieder auf das Niveau vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine und an der Euronext in Paris nur fast bis dahin. Der Rückgang der Rohölpreise färbte des Weiteren auf Pflanzenöle und Ölsaaten wie Raps ab. Zu den Schwächeren Weizenpreisen trägt neben einem schwachen gesamtwirtschaftlichen Umfeld auch Russland bei. Zum einen bringt die Umstellung der Berechnung der Weizenexportsteuer auf Rubelbasis geringere Abgabenbelastungen für die Exporteure. Dies drückt zwar die Exportpreise, führt aber deswegen zu steigender Nachfrage der Händler nach Exportware und heizt so wiederum die Lebensmittelpreis-Inflation in Russland neuerlich an. Zudem steigen die Ernteprognosen für Russland laufend. Zuletzt sprach der Analyst IKAR diese Woche von einer Rekordweizenmenge von 90,5 Mio. t. Allerdings, so heißt es von der Erntefront, gingen die hohen Erträge mit einer schwachen Qualität und hohen Anteilen von nur zur Verfütterung geeignetem Weizen einher.
 
Die Weizenkontrakte an der Euronext in Paris gaben für den September-Termin zum Schlusskurs vom Freitag der Vorwoche (357,00 Euro) bis Freitagmittag der Kalenderwoche 28 um 4,2% auf 342,00 Euro/t und der zur Dezember-Lieferung um 1,2% auf 330,50 Euro/t nach. Genauso 4,2% - auf nunmehr 664,25 Euro/t - verlor im selben Zeitraum der Pariser Rapsfuture zur Lieferung im August. Zulegen konnten hingegen im Wochenabstand die Maiskontrakte: der August-Termin für alte Ernte um 5,1% auf 332,00  Euro/t und der November-Termin für die neue Ernte um 3,2% auf 316,50 Euro/t.
 
Abgeber am heimischen Kassamarkt bremsen wieder
 
Die Berichte von schlechten Ernteergebnissen in Ungarn und Rumänien, exorbitant hohen Transportkosten aus der Ukraine sowie von stockender Abgabebereitschaft ungarischer Lagerhalter mit stark steigenden Preisen bremsen nun wieder den heimischen Kassamarkt. Er nährt auch in Österreich die Hoffnung von Lagerhaltern auf steigende Preise und lässt sie zurückhaltend werden.
 
Damit wurde die erst vorige Woche erreichte Einigung auf ein Preisniveau für Brotgetreide der laufenden Ernte wieder infrage gestellt. Die Abgabebereitschaft sinkt, weil man die aktuellen Geldkurse der rege an Rohstoff interessierten Abnehmerseite nicht akzeptieren will. Das Geschäft verliert wieder an Schwung. Damit lägen laut Beobachtern den dieswöchigen Brotgetreide-Notierungen der Wiener Produktenbörse wiederum nur wenige Umsätze zugrunde.
 
Nach wie vor "auseinander" sind Abgeber und Verarbeiter auch mit ihren jeweiligen Preisvorstellungen für Futtergetreide und Mais. Ebenfalls unter Hinweis auf Ungarn, Rumänien und die Ukraine verlangen Lagerhalter höhere Preise als sie geboten werden. Die Verarbeiter führen ihrerseits eine frühe Maisernte und stagnierende Nachfrage des Futtermittelsektors ins Treffen.
 
Die Weizenernte bringe indes auf den weitgehend abgedroschenen frühen Standorten unterschiedliche Ergebnisse - entweder hohe Erträge mit wenig Protein oder viel Eiweiß bei kleinen Mengen. (Schluss) pos
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