Feilschen um Schwarzmeer-Exportkorridor bannt Märkte mit neuen Momenten

Der für Weizen und Mais eher bullishe Unterton des sonst oft die Märkte bestimmenden WASDE-Monatsberichts des US-Landwirtschaftsministeriums trat diese Woche bei der Kursbildung an den internationalen Warenterminbörsen eher in den Hintergrund.

Fette Gewinne für westliche Dünger-Erzeuger - Kein richtiger Zug im heimischen Markt

Wien, 11. November 2022 (aiz.info). - Der für Weizen und Mais eher bullishe Unterton des sonst oft marktbestimmenden WASDE-Monatsberichts des US-Landwirtschaftsministeriums (siehe aiz.info: USDA nimmt keine gröberen Änderungen an Welt-Versorgungsbilanzen vor) trat diese Woche bei der Kursbildung an den internationalen Warenterminbörsen eher in den Hintergrund: Vielmehr interessierte die Märkte die Zukunft der Schwarzmeerexporte und die im Vorfeld des G20-Gipfels aufhorchen lassenden Vorschläge des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Weizen an arme afrikanische Länder verschenken zu wollen, sowie schwache Exportzahlen der USA bei Weizen und Sojabohnen. Somit verzeichneten die Terminmärkte diese Woche Verluste. An der Euronext in Paris ging es für die jeweiligen Fronttermine für Weizen, Mais und Raps bergab. Hierzulande hieß es vom Kassamarkt, dass im Brotweizengeschäft kein richtiger Zug drinnen sei und der Absatz von Mais in der Mischfutterindustrie bei reichlichem Angebot stottere.
 
Bei der Betrachtung von Fundamentaldaten rückte diese Woche in den Fokus, dass der Exportmotor der USA stottert und der WASDE-Report die Prognose für die anlaufende Weizenernte des Südhalbkugel-Exporteurs Australien und überraschend auch für den Weltmarkt-Lieferanten Kasachstan anhebt. Gleichzeitig lassen Dürre und nun auch Kälte die Getreidebörsen in Argentinien die beginnende Weizenernte ihres Landes sogar noch pessimistischer einschätzen als das US-Agrarressort. Kürzte der WASDE-Report diese Woche die Weizenprognose des Landes am Rio de la Plata um 2,00 Mio. t auf 15,50 Mio. t nach 22,15 Mio. t im Vorjahr, revidierte die Börse in Rosario dieser Tage um 1,9 Mio. t auf 11,8 Mio. t und jene in Buenos Aires um 1,6 Mio. t auf 12,4 Mio. t Weizen nach unten. Argentinien werde damit - gemäß der ohnehin noch optimistischeren USDA-Schätzung - nach 22,15 Mio. t im Vorjahr 2022/23 lediglich 10,00 Mio. t Weizen auf den Weltmarkt bringen können.
 
Feilschen um Schwarzmeer-Exportkorridor mit neuem propagandistischem Moment
 
Indes geht zwischen UNO, Russland, der Ukraine und unter maßgeblicher Vermittlung der Türkei das Feilschen um die Zukunft des Exportkorridors über das Schwarze Meer weiter. Russland fährt 2022 eine rekordverdächtige Weizenernte von mittlerweile mehr als 100 Mio. t Bunkergewicht (vor Reinigung und Trocknung) ein, von der 42 Mio. t zum Export anstehen und für die im Land zu wenig Siloraum für sachgemäße Lagerung vorhanden ist.
 
Russische Exporte von Getreide und Düngemitteln sind zwar keinen Sanktionen westlicher Länder unterworfen, doch beklagt Russland Benachteiligungen bei seinen Ausfuhraktivitäten. Denn zahlreiche Transporteure, Versicherer und Kreditgeber lassen offensichtlich auch angesichts der Unsicherheit auf den Seewegen durch das Schwarze Meer von diesen Geschäften lieber die Finger. Gleichzeitig dürfte es Russland bei allem Eigeninteresse an sicheren und offenen Schwarzmeerrouten auch darum gehen, den auf denselben Wegen agierenden Konkurrenten Ukraine auszuschalten, ohne aber als Verursacher von Hunger in armen, oftmals verbündeten und von Importen abhängigen Ländern - etwa in Afrika - dazustehen. Hier scheint nun mit dem Vorschlag Russlands und der Türkei, Getreide an diese Länder zu verschenken, auch ein propagandistisches Moment hinzuzukommen. Jedenfalls werten die Märkte die Gefahr einer neuerlichen Unterbrechung der Schwarzmeer-Route aktuell als weniger akut.
 
Die Ukraine ihrerseits pocht auch darauf, die Forcierung ihre alternativen Exportrouten über den Land- und Binnenwasserweg über das westliche Europa nicht aus den Augen zu verlieren. Denn trotz des derzeit noch offenen Schwarzmeer-Korridors sollen ihre Weizenausfuhren 2022/23 gegenüber 2021/22 um 42% und die von Mais um 43% einbrechen, obwohl nach Kriegsausbruch im Februar das Schwarze Meer in den letzten Monaten des vergangenen Wirtschaftsjahres gänzlich von Russland blockiert worden war und hier schon die Exportzahlen signifikant abgefallen sind.
 
Weniger Dünger aus Russland beschert westlichen Erzeugern fette Gewinne
 
Indes scheinen die Ausdünnung der Versorgung der Weltmärkte mit Düngemitteln aus Russland und das Geriss der Landwirte um das verknappte Angebot den Dünger-Erzeugern in der westlichen Welt fette Gewinne zu bescheren: So vermeldete die in Kassel, Deutschland beheimatete K+S, ihren Umsatz im 3. Quartal annährend verdoppelt und das Ergebnis verfünffacht zu haben. Laut agrarzeitung.de habe K+S dazu mitgeteilt, höhere Durchschnittspreise im Kundensegment Landwirtschaft und für kalihaltige Industrieprodukte hätten geringere Absatzmengen in beiden Segmenten sowie gestiegene Kosten für Energie, Material und Frachten mehr als ausgleichen können. Man erwarte das mit Abstand beste Jahresergebnis der Unternehmensgeschichte. Demnach sei im Kundensegment Landwirtschaft der Umsatz im 3. Quartal insbesondere wegen höherer Preise in Europa und Übersee im Vergleich zum Vorjahr deutlich auf rund 1,2 Mrd. Euro (3. Quartal 2021: 529 Mio. Euro) gestiegen. Das Absatzvolumen sei gleichzeitig aufgrund logistischer Herausforderungen und einer abwartenden Haltung auf Abnehmerseite von 1,8 auf 1,6 Mio. t zurückgegangen.
 
Notierungen an Terminbörsen zuletzt wieder rückläufig
 
Parallel dazu gab aktuell an der Euronext in Paris der Schlusskurs für Mahlweizen zur Lieferung im Dezember zwischen vorigem Freitag und Donnerstag dieser Woche von 339,25 Euro/t auf 327,25 Euro/t nach, der Fronttermin von Mais - mittlerweile Jänner 2023 - von 329,00 Euro/t auf 321,25 Euro/t und jener von Raps mit Fälligkeit Februar 2023 von 664,75 Euro/t auf 637,00 Euro/t. Am Freitagmittag notierte Euronext-Weizen leicht positiv und verzeichneten Mais und Raps geringfügige Verluste.
 
Kein richtiger Zug in österreichischem Kassamarkt - Sorge um Maisabsatz in Veredelung
 
Nach wie vor sei im österreichischen Kassamarkt für Brotgetreide und Mais "kein richtiger Zug", so Marktteilnehmer rund um die dieswöchige Notierungssitzung der Börse für landwirtschaftliche Produkte in Wien. Zwar berichten einige Beteiligte - ähnlich auch wie jüngst ihre Kollegen aus Deutschland - von Nachfrage aus Italien nach Aufmischweizen, doch sprechen andere gleichzeitig davon, dass die Nachfrage anhaltend flau sei.
 
Aus der Mischfutterbranche heißt es dem Vernehmen nach, man sorge sich um den kurzfristigen Bedarf aus der Veredelungsbranche, weil die am Markt nicht realisierbare Kostensteigerung und die schlechte allgemeinwirtschaftliche Stimmung den Fleischkonsum bremsten und Produktionseinschränkungen der Fleischwirtschaft nach sich zögen. Zudem würden die schon seit einiger Zeit laufenden Importe von Mais für ein mehr als ausreichendes Rohstoffangebot sorgen.
 
Als Indiz dafür werten Marktinsider die im jüngsten Marktbericht der AMA erhobenen Lagerstands-Meldungen zum 31. August 2022. Demnach seien da in heimischen Silos 265.209 t Mais gelegen, während es zum Vergleichs-Stichtag 31. August 2021 nur 181.535 t gewesen seien.
 
Vor diesem Hintergrund und angesichts der zuletzt schwächeren Tendenz der Euronext-Kurse gaben am Mittwoch die Wiener Notierungen von Brotweizen und Futtermais etwas nach.
 
Die Nassmaiskampagne neige sich indes dem Ende zu. Wegen der hohen Trocknungskosten und attraktiver Preise hätten die Landwirte heuer einen überdurchschnittlichen Anteil ihrer Ernte als Nassmais vermarktet, heißt es. Während Österreich und auch Deutschland oder Polen keine Probleme mit Aflatoxin hätten, würden aber traditionelle Lieferanten wie Ungarn, Rumänien, oder Serbien darunter leiden und ebenso auch Italien.
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