Fundamentaldaten tauchen auf: Aus Erholung der Getreidemärkte wurde Rallye

Handel mit China und Korea wacht auf - Grenzüberschreitende Logistik bleibt Sorgenkind

Wien, 20. März 2020 (aiz.info). - Die internationalen Finanz- und Rohstoffmärkte - auch die von Agrarprodukten - bleiben eine wild brodelnde Gerüchte- und Giftküche. In den letzten Tagen tauchten an den Agrarterminmärkten wieder die Fundamentaldaten an die Oberfläche. Aus einer Erholung insbesondere der Weizenterminkurse in den letzten Tagen wurde nun bis zum Freitag eine regelrechte Kursrallye. Selbst die Maisnotierungen in den USA und Raps an der Euronext gewannen mit einer sprunghaften Gegenbewegung der Rohölpreise nach mehreren Abstürzen wieder Boden unter den Füßen. Niemand traut sich aber zu sagen, wohin es auch nur binnen Stunden weitergehen könnte: Geht der Rallye rasch wieder der Sprit aus oder folgen weitere Etappen? Vor dem Wochenende dürften am Freitagnachmittag Gewinnmitnahmen die Kurssteigerungen wieder schmälern. Anleger versilbern mit Verkäufen die jüngsten Kurszuwächse. Jedenfalls scheinen sich aber Agrarprodukte als Lebensgrundlage der Menschheit doch als einigermaßen "harte Währung" herauszukristallisieren.

Ein Sorgenkind bleibt aufgrund von Verkehrsbeschränkungen und Quarantänemaßnahmen einzelner Länder die grenzüberschreitende Logistik, die ebenso zu Verteuerungen beiträgt. Hier verschob sich der Hotspot jüngst nach Südamerika, wo man nach Corona-Ausbrüchen um die Lieferfähigkeit der Großexporteure Brasilien und Argentinien fürchtet. Nationale Märkte sind von Hamsterkäufen der Haushalte gekennzeichnet. Die Versorgungsketten zur Deckung des zusätzlichen Bedarfs im Lebensmittelhandel funktionieren wie in Europa zumeist aber. Es heißt auch, was die Gastronomie in Ländern mit Einschränkung des öffentlichen Lebens verliere, gewinne der Lebensmittelhandel. Im internationalen Handel erwachen die Wirtschaften Chinas und Südkoreas nach der Eindämmung der Corona-Epidemien langsam wieder aus ihrer Lähmung und beginnen am Weltmarkt wieder Weizen, Sojabohnen, Schweine- und Rindfleisch zu ordern. Damit legen auch die Vieh- und Fleischnotierungen in den USA zu.

Der Mai-Weizenkontrakt an der Euronext in Paris eroberte am Freitagmittag wieder die 190 Euro/t zurück - zeitweise mit einem Plus von 4,25 Euro auf 193,50 Euro/t, um dann wieder weniger zuzulegen. Die 190 Euro überstieg der Schlusskurs des Fronttermins zuletzt am 27. Februar, ehe die ganz heiße Phase der Corona-Krise ausgebrochen war. Getragen werden die Zugewinne von der in der EU verstärkten Inlandsnachfrage sowie anhaltend starken Drittlandsexporten und nicht zuletzt die neuerliche Abschwächung des Euro gegenüber dem Dollar. Der Mai-Rapsfuture erholte sich bis auf 350 Euro/t. Die Euronext folgt damit auch der Leitbörse CBoT in Chicago, an der Weizen, Sojabohnen und sogar auch Mais nach der Wochenmitte wieder Gewinne verzeichneten. Die Maiskurse in den USA, dem weltgrößten Produzenten, stehen in inniger Abhängigkeit zu den Rohölpreisen. Mais ist Rohstoff für Ethanol; die USA verarbeiten knapp 40% ihrer Ernte dazu. Sinkt der Rohölpreis, wird die Maisversprittung zu Kraftstoffalkohol unrentabel. Dazu kam in den letzten Wochen die ausbleibende Nachfrage aus China. Am Mittwoch stürzten die Ölpreise noch um rund ein Viertel ab, um dann am Donnerstag wieder um nahezu dasselbe Ausmaß wieder in die Höhe zu schnellen und den Maiskursen damit zu Boden unter den Füßen zu verhelfen.

In Deutschland etwa stellt ein Ethanolerzeuger seine Produktion von Fahrzeug- auf Reinalkohol zur Herstellung dringend benötigter Desinfektionsmittel um.

US-Präsident Donald Trump scheint sich im Ölpreiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland trotz des Drucks auf seine Öl- und Ethanolindustrie vorerst mit einiger Häme in die Beobachterposition zurückzulehnen, denn nicht zuletzt schwächt dieser primär die russische Wirtschaft. Zwar wolle er in einiger Zeit auf die Saudis einzuwirken versuchen, den Ölhahn wieder zuzudrehen. Doch sieht er aktuell die US-amerikanischen Konsumenten als Gewinner durch niedrige Spritpreise und füllen die USA ihre strategischen Ölreserven mit billiger Saudi-Ware auf.

Menschheit leidet unter Corona - Landwirtschaft unter Klimawandel

Während die Menschheit unter der Corona-Pandemie leidet, macht der Landwirtschaft der Klimawandel zu schaffen. So kommt auf Seite der Fundamentaldaten eine teilweise schlechte Entwicklung der Bestände für die kommenden Ernten hinzu. Die unmittelbar bevorstehenden beziehungsweise laufenden Mais- und Sojaernten in Südamerika werden durch Regenfälle in Brasilien - diese behindern auch die Logistik - verzögert, wohingegen Argentinien wegen Trockenheit Ertragsminderungen befürchtet. Der größte "Ackerbauer" der EU, Frankreich, leidet unter zu viel Nässe. Laut der Marktordnungsstelle AgriMer am Freitag konnten die französischen Landwirte bislang erst 40% der Sommergerste anbauen - zur gleichen Zeit im Vorjahr hatten sie schon 97% im Boden. Auch die Winterweizenbestände sind mit 63% gut oder sehr gut schlechter bonitiert als 2019 mit 85%, wie dies ähnlich auch in den USA beim Hard Red Winter - mit deutschem Exportweizen von 12,5% Protein vergleichbare Sortierung - der Fall ist. Und nicht zuletzt mehren sich aus Osteuropa - der Schwarzmeerraum mit Russland und Ukraine - Meldungen, es sei dort zu trocken. Abnormale Wetterverhältnisse plagen auch Süd- und Südostasien. (Schluss) pos

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