Getreidemärkte schätzen über den Sommer Hitzefolgen und Überangebot hin und her

Mais könnte auch für Preisbildung beim Weizen zum Zünglein an der Waage werden

Wien, 26. Juli 2019 (aiz.info). - Die internationalen Getreidemärkte zeigten sich mit den laufenden Ernten auf der Nordhalbkugel in einem Abwarte-Modus. Auf der einen Seite mehren sich Meldungen von besser als erwartet eingefahrenen Weizenerträgen etwa beim größten Produzenten der EU, Frankreich. Auf der anderen Seite revidieren Experten - so am Donnerstag dieser Woche der internationale Getreiderat IGC - als Folge der Hitzewelle im Juni die Ernteprognosen für wichtige Weltmarktplayer wie Russland, die EU oder Kanada laufend nach unten. Es wird erwartet, dass dieses Hin- und Herschätzen über den Sommer hin anhalten wird. Bis dahin wird dann mehr Klarheit über die tatsächlichen Weizenmengen und -qualitäten bestehen - in Europa ist zunehmend von heterogenen Qualitäten zu hören und aus dem östlichen Mitteleuropa von einem massiven Fusarien-Problem. Zünglein an der Waage, wohin diese bei der Preisbildung ausschlagen wird, könnte der Mais werden.

Zum einen schätzt etwa der IGC die Maisernte des größten Produzenten, USA, als Folge der verregneten Frühjahrsaussaat mit 333,5 Mio. t deutlich niedriger als der marktbestimmende, aber vielerseits als unrealistisch kritisierte WASDE-Bericht des US-Landwirtschaftsministeriums USDA mit 352,44 Mio. t. Zum anderen bleibt offen, wie weit die aktuell angerollte zweite Hitzewelle sowie Trockenheit in den USA und in Europa die Maisbestände während der entscheidenden Blütephase zusetzen und die Erträge noch weiter unter die bisherigen Prognosen drücken. So meinen Analysten, dass die Weizenpreise bei den aktuellen Fundamentaldaten zwar wenig Aufwärtspotenzial hätten, dies sich im Falle gröberer Ernteausfälle beim Mais aber nach dem Sommer schlagartig ändern könne. Denn: Weniger Verfügbarkeit von Mais würde den Einsatz von Weizen in der Verfütterung deutlich verstärken. Und völlig unabschätzbar bleibt nach wie vor, was der amerikanische Präsident in den kommenden Wochen als Begleitmusik zu den sich anbahnenden Gesprächen mit China zur Beilegung des Handelskrieges in den kommenden Wochen durch den Äther zwitschern werde.

Im Wochenverlauf oszillierte der September-Mahlweizenkontrakt an der Pariser Euronext um die 175 Euro/t und der Dezember-Liefertermin kämpfte um die 180-Euro-Hürde. Mais hielt sich ziemlich stabil, während der Pariser Rapsfuture zur Lieferung im August doch spürbar auf 380 Euro/t zulegen konnte. Dies sei dem Faktum geschuldet, dass die EU heuer die schwächste Rapsernte seit 12 Jahren einfahren soll. Den Weizennotierungen hilft ein schwacher Euro. Dieser liegt aktuell bei 1,14 USD, nachdem die Europäische Zentralbank wegen sich verschlechternder Wirtschaftsdaten eine noch weitergehende Lockerung ihrer Geldpolitik in den Raum gestellt hat.

Schwarzmeerländer dominieren Weizenweltmarkt zu Saisonbeginn - EU wird aber wettbewerbsfähig

In den ersten drei Wochen des Wirtschaftsjahres bis zum Stichtag 16. Juli hinkten die Weichweizenausfuhren der EU laut Kommission mit in Summe 584.635 t noch um 10% hinter der vorigen Saison nach. Es heißt, den Exportwettbewerb am Weizenweltmarkt dominierten in diesen Wochen die Schwarzmeerländer Russland, Ukraine und Rumänien. Bei Rumänien bleibt allerdings abzuwarten, wann aufgrund des Fusarienproblems im westlichen Landesteil exportfähige Ware ausgehen wird. Der wöchentlich in US-Dollar berechnete Exportpreisvergleich der EU-Kommission weist dann zum 24. Juli zum Kurs von 1,103 USD/Euro Mahlweizen aus der westlichen EU fob Rouen mit 193 USD/t (-4 USD zur Vorwoche) als billigsten vor dem Schwarzmeerweizen (195 USD/t, unverändert zur Vorwoche) aus. Abgeschlagen in der Konkurrenzfähigkeit bleibt Soft Red Winter fob golf mit 216 USD/t (-3 USD zu Vorwoche). Tunesien kaufte diese Woche 92.000 t Weizen. Die ägyptische Regierung verlautete, mit ausreichend Weizen für die kommenden vier bis fünf Monate vorgesorgt zu haben. Ein weiterer der großen Weizen-Nettoimporteure der Welt, Brasilien, vermeldete Frostschäden an seinen Beständen, weshalb man noch mehr als die 2019 schon am Weltmarkt zusammengekauften 6,7 Mio. t Weizen einführen werden müsse. Die Exportwoche der USA bis 18. Juli fiel dagegen mit 659.700 t Weizen, 507.800 t Mais und 559.300 t Sojabohnen über Erwarten beziehungsweise am oberen Ende der Analystenschätzungen aus.

Russlands Getreideernte schmilzt in der Hitze beständig zusammen

Der Analyst SovEcon revidierte am Freitag die Prognose für die Getreideexporte Russlands 2019/20 scharf - um 7 Mio. t auf 41,9 Mio. t und die von Weizen um 6,2 Mio. t auf 31,4 Mio. t - nach unten. Zuvor senkte SovEcon seine Schätzung der Weizenernte Russlands um 2,9 Mio. t auf 73,7 Mio. t. Die jüngste Schätzung des USDA im WASDE vom 11. Juli war noch bei 74,2 Mio. t gelegen. Der IGC liegt bei 75,7 Mio. t.

Österreich: Nachhaltige Preisbildung nach Sichtung von Mengen und Qualitäten

Je weiter die Weizenernte in Österreich nach Norden fortschreitet, desto höher fallen die Proteinwerte aus. Allerdings, so Marktteilnehmer, würden auch rund um Österreich hohe Eiweißgehalte eingefahren und zeigten sich die Qualitäten mit zunehmendem Erntefortschritt heterogen. Eine nachhaltige Markt- und Preisbildung hänge daher auch hierzulande noch so lange in der Luft, bis alles eingebracht und gesichtet werde.

Premiumweizen hielt sich am Mittwoch dieser Woche an der Wiener Produktenbörse unverändert bei 190 bis 192 Euro/t, Qualitätsweizen gab leicht auf 177 bis 181 Euro/t nach, und erstmalig wurde neuerntiger Mahlweizen mit 162 bis 168 Euro/t notiert. Der Preisabstand von 14 Euro/t zum Qualitätsweizen bestätigt die Annahme einer deutlicheren Preisdifferenzierung der einzelnen Qualitätsstufen im Vergleich zur Ernte 2018 erneut. Ebenso zeigte Durum sein Potenzial für steigende Preise und legte auf 210 bis 215 Euro/t zu. Mahlroggen notiert mit 163 bis 168 Euro/t ebenfalls höher als zuletzt vor 14 Tagen.

Massives Fusarien-Problem im Osten - Preise von Futtergetreide und Basisweizenqualität steigen

Immer mehr in den Fokus der heimischen Branche gerät der von West-Rumänien über Serbien und Kroatien bis in Teile Ungarns und sogar Norditaliens immer manifester werdende Fusarienbefall der Ernte. Zum Teil lägen DON-Werte so hoch, dass das Getreide nicht einmal mehr zur Verfütterung tauge. Im Zusammenwirken mit den abnehmenden Futterweizenanteilen der heimischen Ernte befestigt dies die Preise von Futtergetreide und der Basis-Brotweizenqualitäten. Gerste werde damit in den Futterrationen interessanter. Demnach zogen die Wiener Notierungen sowohl inländischer als auch aus dem EU-Raum eingeführter Futtergerste diese Woche spürbar an. Heimische Ware bringt es auf 140 Euro/t. Gersteneinfuhren nach Oberösterreich und in die Steiermark halten bei 153 Euro/t, die von Futterweizen bei 171 Euro/t. Sogar heimischer Futtermais konnte sich einen Deut auf 148 bis 150 Euro/t befestigen. Es heißt, langsam gehe auch den ukrainischen Exporteuren die Luft mit Ware aus alter Ernte aus. Spannend wird in diesem Zusammenhang auch im Inland, wie eine weitere Hitzewelle die Entwicklung der Maiskulturen und somit auch des Futter- und letztlich Brotgetreidemarktes in den kommenden Wochen beeinflussen wird.

IGC revidiert Weizenernten in Russland, EU und Kanada neuerlich nach unten

Der Internationale Getreiderat IGC revidiert in seinem Grain Market Report (GMR) vom Juli gegenüber dem Vormonat die weltweite Getreideproduktion 2019/20 um 8 Mio. t auf 2.148 Mio. t nach unten. Damit fällt die aktuelle Ernte nur moderat größer aus als die vorjährige (2018/19: 2.142 Mio. t). Die Revision betrifft vor allem kleiner angesetzte Weizenernten in der EU (148,7 Mio. t nach 151,2 Mio. t), in Russland (75,7 Mio. t nach 79,5 Mio. t) und in Kanada (32 Mio. t nach 33,6 Mio. t) sowie reduzierte Produktionserwartungen von Mais in China und Sorghum in den USA. Die Maisernte der USA belässt der IGC übrigens unverändert bei 333,5 Mio. t. Er liegt damit aber deutlich unter der - von Marktteilnehmern wegen zu großer zugrunde gelegter Anbauflächen als unrealistisch kritisierten - Schätzung des US-Landwirtschaftsministeriums im jüngsten WASDE-Bericht von 352,44 Mio. t.

Weltweiter Rekordverbrauch an Getreide führt zu drittem Lagerabbau in Folge

Auch die Verbrauchsschätzung nehmen die Londoner Experten um 3 Mio. t auf 2.148 Mio. t zurück. Die Welt konsumiert dennoch 2019/20 eine Rekordmenge an Getreide und um 0,9% mehr als in der vorigen Saison. Den stärksten Zuwachs verzeichnet dabei die industrielle Verwertung mit 1,6% (menschliche Ernährung: +0,8%, Verfütterung: +0,6%). Daraus resultiert in der Bilanz ein dritter Abbau der Endlager in Folge, der sich auf 36 Mio. t (2018/19: 23 Mio. t) beschleunigt. Insbesondere schmelzen die Maisreserven um 50 Mio. t, wohingegen die von Weizen um 9 Mio. t und die von Gerste um 3 Mio. t anwachsen sollen. Das Maisdefizit betrifft vor allem China (-26 Mio. t Lagerabbau), wobei diese Prognose sehr spekulativ sei. Als wichtiger für den Weltmarkt bezeichnet der IGC, dass die Mais-Endbestände der USA um 18 Mio. t auf ein Sechsjahres-Tief schrumpfen sollen.

Sojabohnenlager schmelzen kommendes Wirtschaftsjahr von Rekordhoch ab

Im noch laufenden Sojabohnen-Wirtschaftsjahr 2018/19 erreicht die Produktion aufgrund heftiger Zuwächse vor allem in den USA und Argentinien den Rekord von 363 Mio. t (+22 Mio. t zum Vorjahr). Obwohl China weniger verbraucht, schrauben die Zuwächse in anderen Regionen den Bohnenkonsum ebenfalls auf einen neuen Höchstwert. Dennoch häufen sich die Endbestände - insbesondere in den USA - auf ein Rekordhoch von 55 Mio. t an. 2019/20 soll dann vor allem wegen eines Produktionsrückgangs in den USA die globale Sojabohnenernte um 4% auf 348 Mio. t zurückgehen. Der Verbrauchszuwachs wird sich zwar gegenüber den bisherigen Trends verlangsamen, aber in der Bilanz dennoch einen markanten Abbau der Endlager um 20% auf 44 Mio. t bewirken.

Erntedruck, Exportwettbewerb und unsichere Märkte schmälerten Preise im Juli

Der Globale Getreide- und Ölsaaten-Preisindex (GOI) gab, nachdem er zuvor drei Monate in Folge zugelegt hatte, seit Ende Juni um 2,2 % (-4,1% zum Vorjahr) nach. Der Rat begründet das mit Ernte- und saisonalem Mengendruck und harter Exportkonkurrenz vor allem beim Weizen sowie allgemein unsicheren Aussichten auf den Märkten. Am stärksten verlor der Subindex von Weizen mit -5,1% (-6,6% zum Vorjahr), gefolgt von dem von Mais (-3,8%, -7,9% zum Vorjahr) und dem von Gerste (-2,5%, -16,5% zum Vorjahr). Sojabohnen verloren zum Vormonat um -0,9% (-6,1% zum Vorjahr). Das Minus des Sojabohnen-Index sei auf bearishe Fundamentaldaten von Angebot und Nachfrage, angeführt von Schwäche der südamerikanischen Märkte, zurückzuführen. (Schluss) pos

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