Getreidemärkte verhalten sich zunehmend irrational - Preise schlagen wild aus

Heimischer Markt zwar ruhig - Premiumweizen-Notierung aber deutlich hinaufgesetzt

Wien, 14. Oktober 2022 (aiz.info). - Die internationalen Getreidemärkte verhalten sich mit neuen Eskalationsstufen im Ukraine-Krieg und Rezessionsangst zunehmend irrational und von Fundamentaldaten abgehoben. Mit den Preisen geht es wild auf und ab. Diese Woche sorgte zuerst das russische Bombardement ziviler ukrainischer Ziele und Infrastruktur für einen heftigen Preisschub, darauf folgte eine scharfe Korrektur nach unten, ehe es am Donnerstag dann mit frischer Verunsicherung aus Moskau rund um die Verlängerung des Getreidedeals für den sicheren Schwarzmeerkorridor über den November hinaus wieder hinauf ging.
 
Der bullishe Grundtenor des am Mittwoch veröffentlichten und normalerweise im Oktober besonders einflussreichen Monatsberichts des US-Agrarministeriums USDA zu den globalen Versorgungsbilanzen (WASDE) wurde trotz seines bullishen Grundtenors für die Weizen- und Maismärkte (siehe auf aiz.info) praktisch zur Seite geschoben. Während der Report die Prognose für die weltweite Weizenerzeugung 2022/23 um 2,2 Mio. t hinabsetzt, weil das USDA wegen der Dürre allein die Weizenernte Argentiniens im Monatsabstand um 1,5 Mio. t auf 17,50 Mio. t hinunterrevidiert, geht die Getreidebörse in Rosario sogar noch einen Schritt weiter: Sie reduzierte in der Zwischenzeit als Folge des Wetterphänomens La Nina ihre jüngste Prognose der argentinischen Weizenernte um 500.000 t auf 16,0 Mio. t - das schlechteste Ergebnis seit sieben Jahren.
 
Obwohl es rund um die Notierungssitzung der Wiener Produktenbörse am Mittwoch dieser Woche hieß, die heimische Mühlenwirtschaft sei mittlerweile recht gut mit Brotgetreide gedeckt, für spätere Liefertermine lägen Geld- und Briefkurse zu weit auseinander und es gehe kaum Geschäft, kamen neuerlich Notierungen für alle drei Brotweizenqualitäten zustande. Offenbar fand zuletzt doch auch immer wieder still und heimlich Handel statt.
 
Oberkante der Wiener Premiumweizen-Notierung deutlich hinaufgesetzt
 
Die Börse setzte sogar die Notierung von Premiumweizen an der Oberkante des Preisbandes deutlich spürbar um 15 Euro/t auf nunmehr 397 bis 425 Euro/t hinauf.
 
Dem Vernehmen nach erwache Nachfrage nach Aufmischweizen aus Märkten wie Deutschland oder der Schweiz. Allerdings bereite die Transportlogistik Schwierigkeiten. Dennoch wird gemunkelt, der Großhandel munitioniere sich nun mit Premiumweizen auf auf, weil er hoffe, dass exportorientierte Produzenten wie Deutschland, den österreichischen Premiumweizen dennoch ordern würden, weil sie ihn für ihre eigenen Exportgeschäfte zum Aufmischen ihrer heuer proteinschwachen Weizen benötigen würden.
 
Sehr unterschiedliche Maiserträge in Österreich - Ungarn fehlen große Maismengen
 
Von der Maisernte werden ganz unterschiedliche Erträge - von sehr zufriedenstellend in Oberösterreich bis enttäuschend im östlichen Trockengebiet - gemeldet. Die Nassmaiskampagne laufe weiter, während am Markt für Trockenmais gegenseitiges Abwarten anhalte. Angesichts unsicherer Absatzlage und enger Rohstoffversorgung sowohl hierzulande als insbesondere in Ungarn ist immer öfter vom Rückfahren von Verarbeitungskapazitäten die Rede. Ungarn etwa solle aufgrund der Dürre heuer mit lediglich 3 Mio. t nur die halbe Maismenge des Vorjahres einfahren können und zumindest 1 Mio. t Importbedarf aufweisen. Hinzu komme eine starke Aflatoxinbelastung.
 
Wegen der laufenden und kurzfristigen Preissprünge an den internationalen Terminmärkten blieben auch die Abschlüsse über Ölsaaten jüngst vorsichtig und auf jeweils kleine Mengen beschränkt.
 
An der Euronext in Paris stieg nach dem turbulenten Auf und Ab mit einer Spitze von 364,25 Euro/t am Montag der Schlusskurs für Mahlweizen zur Lieferung im Dezember von 348,00 Euro/t am vorigen Freitag bis Donnerstag dieser Woche auf 356,25 Euro/t, der von Mais mit dem November-Liefertermin von 336,50 Euro/ auf 341,25 Euro/t und jener von Raps -ebenfalls mit Fälligkeit November - von 629,50 Euro/t auf 633,75 Euro/t. Am Freitagmittag stand für den Weizen ein Minus von 43,25 Euro/t zu Buche und für den Raps von 0,75 Euro/t. Mais notierte unverändert.
 
Diskussion um Ernsthaftigkeit russischer Drohungen gegen Schwarzmeer-Getreidedeal
 
Für die jüngste Besorgnis um die Verlängerung des Getreidedeals, der für Exporte über das Schwarze Meer sichere Seewege notiert, sorgte der außenpolitische Berater von Russlands Präsident Wladimir Putin, Juri Uschakow. Er beklagte neuerlich, russische Ausfuhren von Getreide und Düngemitteln würden - trotz aller Dementis - vom Westen nach wie vor indirekt behindert. Dies nährte den Verdacht, damit wolle der Kreml einem Einspruch gegen die Verlängerung des Abkommens über den November hinaus Vorschub leisten. Dies wäre ein herber Rückschlag für die Getreideausfuhren aus der Ukraine.
 
Allerdings, so werden im Getreidehandel Stimmen immer lauter, könnte diese Rhetorik aus Moskau auch nur hohle Drohgebärde sein, denn mit einer Aufkündigung des sicheren Handelskorridors über das Schwarze Meer schneide sich Russland mindestens ebenso ins eigene Fleisch, wie es damit der Ukraine schade. Russland benutze nämlich von seinen Seehäfen an der Ostküste des Schwarzen Meeres und am Asowschen Meer ausgehend diesen Korridor genauso für die eigene Exporttätigkeit. Würden sich also mangels ausreichender Sicherheitsgarantien oder sogar wegen neuerlicher Kampftätigkeiten auf diesem Seeweg keine Schiffe oder Besatzungen mehr finden, um diesen Seeweg zu befahren, oder Versicherungen aus der Risikoabdeckung für solche Fahrten aussteigen, komme auch Russlands Export zum Erliegen. (Schluss) pos
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