Hurrikan Ida und Unterbrechung von US-Export wirbeln Getreidemärkte durcheinander

Österreich: LEH erschwert höhere Preise - Roggenanbau benötigt Preisanreiz

Wien, 3. September 2021 (aiz.info). - Die Getreide-, Mais-, Sojabohnen- und Ölsaatenmärkte wurden die letzten Tage vom Hurrikan Ida und den davon verursachten Unterbrechungen des Exports aus den USA sowie von besseren Wetterbedingungen für die Herbsternten insbesondere in Nordamerika durcheinandergewirbelt. Erst am Donnerstag stabilisierten sich Weizen und Mais an der Leitbörse CBoT in Chicago wieder. Hierzulande sprechen Marktbeteiligte zwar von steigenden Brotweizenpreisen, der international knappe Aufmischweizen sei gefragt und die Abgabebereitschaft halte sich in Grenzen, aber dennoch gaben diese Woche die Notierungen von Premium- und Qualitätsweizen an der Wiener Produktenbörse am oberen Rand überraschend etwas nach. Inländische Mühlen und Bäcker würden sich schwertun, beim Lebensmitteleinzelhandel (LEH) gestiegene Kosten von Logistik, Energie und Verpackung sowie Rohstoff durchzusetzen.

Ida setzte am Golf von Mexiko etliche Getreideterminals außer Gefecht. Das Geschäft steht für unbestimmte Zeit, aber 60% des Exports der weltmarktrelevanten USA laufen über den Golf. Die schlechten Aussichten für die Weizenernte auf der Nordhalbkugel - ob Weizenerträge in Russland, die von Sommerweizen in Nordamerika oder der Qualität von Frankreich über Deutschland bis Polen - seien in die Terminmärkte schon eingepreist. Jetzt stoppe die stagnierende Nachfrage der US-Exporteure nach Rohstoff die Preisanstiege und drücke die Notierungen an der weltweiten Leitbörse CBoT in Chicago. Dessen konnte sich die Euronext in Paris auch nicht ganz entziehen und reagierte mit einer eher Seitwärtsbewegung. Zudem kauften namhafte Importeure zu den aktuell hohen Preisen momentan zögerlich ein.

Österreich: Schwindender Roggenanbau benötigt Preisanreiz

Prekär scheint in Österreich aus der Ernte 2021 insbesondere der Markt von Brotroggen. Der eklatante Rückgang der Anbaufläche zum Vorjahr, laut AMA um mehr als 23% auf 32.769 ha, verbunden mit der verregneten Qualität im Spätdruschgebiet des Wald- und Mühlviertels, erfordere dringend Preissignale an die Landwirte, um die Versorgung künftighin sicherstellen zu können, heißt es.

Bis die sehr heterogenen Qualitäten der Ernte in Europa auseinandersortiert und die nicht mahlfähigen Anteile auf den Markt gelangen würden, habe am Futtergetreidemarkt und bei Mais zuletzt ein Nachfrageüberhang geherrscht. Wiener Notierungen - auch von Importen - kamen diese Woche nicht zustande. Befestigt haben sich im Wochenabstand Eiweißschrote, für Ölsaaten seien aber nur erste Abschlüsse erfolgt. Die Regen der letzten Zeit hätten den Erträgen von Sonnenblumen und Sojabohnen gutgetan.

Das Bundesgremium des Agrarhandels veröffentlichte dieser Tage den Folder "Österreichische Weichweizen-Ernte 2021" mit den wichtigsten Daten zu Erträgen und Qualitäten der aktuellen Ernte. Der Folder steht unten zum Download bereit.

Heimischer Weizen mit positivem Preisabstand zu seitwärts verlaufenden Euronext-Kursen

Mit aktuell 265 bis 270 Euro/t Notierung der Großhandelsabgabepreise für Premium- und 245 bis 254 Euro/t für Qualitätsweizen weisen aber beide inländischen Segmente von Aufmischweizen im Vermarktungsjahr 2021/22 positive Preisabstände zu den Pariser Notierungen für Mahlweizen auf. Die Euronext-Schlusskurse für den am meisten gehandelten Dezember-Kontrakt entwickelten sich vom Freitag der Vorwoche (27. August 2021) bei 246,75 Euro/t bis Donnerstag dieser Woche mit 244,25 Euro/t seitwärts. Der nächste Woche auslaufende September-Future sprang zuletzt in hektischem und spekulativem Geschäft erratisch auf und ab. Er schloss den Donnerstag mit 248,50 Euro/t. Erschwerend kommt aktuell ein gegenüber dem Euro schwacher US-Dollar hinzu, weil in den USA der Arbeitsmarkt hinter den Erwartungen bleibt. Der Maisfuture an der Euronext zur Lieferung im November schloss am Donnerstag mit 217,50 Euro/t ab, das ist zum vorigen Freitag (221,25 Euro/t) eine Differenz von minus 3,75 Euro/t. Beim November-Rapsfuture verlief die Wochenentwicklung von 571,50 Euro/t auf 572,75 Euro/t. International schwächelten zuletzt die Pflanzenölpreise.

Teuer bleibt in der EU auch der weltweit knappe Durum-Weizen. Die EU-Kommission quotierte Durum aus der Union in ihrem wöchentlichen Report der Weltmarktpreise zum 1. September fob im französischen Hafen Port-la-Nouvelle mit 425 Euro/t. Kanadischer Hartweizen fob St. Lorenzstrom wird damit mit 495 Euro/t beziffert. In Wien notierte der Großhandelsabgabepreis inländischen Durums zuletzt am 18. August mit 360 bis 370 Euro/t ebenfalls deutlich höher als in der Vorsaison.

Brasiliens Farmer horten Sojabohnen - Indische Exporteure kaufen Schrotexporte zurück

Hingegen sollen in Brasilien, dem weltgrößten Sojaexporteur, die Landwirte ihre Bohnenlager horten, weil sie politische Verwerfungen mit einer Real-Abwertung und vor allem zur kommenden Ernte das Wetterphänomen La Niña fürchten. La Niña beschert Südamerika Dürre. Das heißt: Lieber wahre Ware anstatt an Wert verlierendem Barem. Indische Händler, die jüngst Sojaschrot hätten exportieren dürfen, sollen wegen davongaloppierender Inlandspreise Teile dieser Ware sogar wieder zurückkaufen, weil es sich auszahle, dafür um bis zu umgerechnet gut 420 Euro/t mehr zu bezahlen als im Verkauf nach Europa eingenommen zu haben.

Enge EU-Weizenbilanz durch gesteigerte Exportnachfrage noch mehr verengt

Hohe Futterweizenanteile beim größten Weizenproduzenten und -exporteur der EU, Frankreich, aber auch in Deutschland bis hin zu Polen, verengen im Zusammenspiel mit verstärkter Exportnachfrage die ohnehin schon knappe Weizenbilanz der Union mit deutlich weniger als 10% Endlageranteil am Verbrauch zusätzlich. Dies auch, weil sich die Ernteaussichten des bisher weltweit größten Exporteurs, Russland, stetig verfinstern. In Russland kappte dieser Tage der Analyst Sovecon die Prognose für die Weizenernte 2021 von zuletzt 76,2 auf 75,4 Mio. t. Im Wolga- und Uralgebiet sei es zu trocken und heiß gewesen, die Erträge fielen unter die letzten Dürrejahre 2012 beziehungsweise 2014. Jetzt steht noch der Drusch in Sibirien aus. Letztlich solle Russlands Weizenexport den niedrigsten Wert seit fünf Jahren erreichen. Dennoch habe eine stabile Nachfrage aus der Türkei, dem Iran und aus Afrika laut dem Logistiker RusAgroTrans, im August Weizenausfuhren von knapp 4,9 Mio. t ermöglicht, wofür Preise fob (free on board, Ware im Ausgangshafen auf Schiff verladen) von umgerechnet bis zu gut 258 Euro/t kolportiert werden. Das widrige Wetter bereite aber den russischen Landwirten auch Probleme bei der schon begonnenen Neuaussaat von Winterkulturen für die kommende Ernte 2022.

Einer der größten Weizenkunden Frankreichs, das gleich über dem Mittelmeer gelegene Algerien, soll diese Woche eine Weizenausschreibung für optionale Herkunft zur Lieferung im Oktober mit Zuschlägen bis zu 490.000 t abgeschlossen haben. Da die staatliche Getreideagentur OAIC keine offiziellen Ergebnisse veröffentlicht, beruhen die Zahlen auf händlerbasierten Agenturmeldungen. Algerien soll dafür c&f (cost and freight, also Warenwert inkl. Verschiffung) von umgerechnet gut 298 bis 301 Euro/t bezahlen - nah etwas über 296 Euro/t für den letzten Zuschlag eines Tenders am 17. August. Teile der Lieferungen sollen ungewöhnlicher Weise aus Deutschland und von weiter östlich gelegenen Ostseeanrainern stammen, wiewohl die Algerier den von Qualitätssorgen gebeutelten französischen "Hoflieferanten" entgegengekommen seien. Demnach toleriere das nordafrikanische Land inoffiziell ein Mindest-Hektolitergewicht des Weizens von 76 kg anstatt der üblichen 78 kg, und Frankreich könne somit dennoch namhafte Mengen liefern. In Deutschland werden die Kassamarktpreise von Weizen mit Prämien auf die Euronext-Notierungen von der starken Exportkonjunktur gestützt.

Die Weichweizenexporte der EU-27 erreichten in dem seit 1. Juli laufenden Wirtschaftsjahr 2021/22 laut Kommissionsstatistik bis 29. August 3,68 Mio. t nach 3,28 Mio. t im Vorjahresvergleichszeitraum. Allerdings hinkt der Vergleich, weil die offizielle Statistik der Kommission die Exportdaten bis 31. Dezember 2020 wegen der Brexit-Übergangsphase noch für die EU-28 inklusive Vereinigtes Königreich ausweist. (Schluss) pos

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