Internationale Getreidemärkte in Bullenstimmung - Österreich reagiert verzögert

Preishoch seit 2013 - Ständig neue Meldungen über Verschärfung russischer Exportrestriktionen

Wien, 15. Jänner 2021 (aiz.info). - Die internationalen Getreideterminbörsen blieben nach einer leichten Abkühlung nach dem Feuerwerk zur Wochenmitte in der zweiten Wochenhälfte weiterhin fest gestimmt. Vor allem erhalten die Weizenkurse Auftrieb durch ständig neue Nachrichten über eine Verstärkung und Verlängerung der russischen Exportrestriktionen. Dazu kommt: "Auf EU-Ebene werden die Bestände nach wie vor auf einem historischen Tiefstand erwartet. Die europäische Situation ist sehr angespannt", so die französische Analyse Strategie Grains am Donnerstag zum Weizenmarkt. In ihrem Ausblick für die restliche Saison 2020/21 "haben die europäischen Getreidepreise kein Rückzugspotenzial und dürften noch klettern". Der Internationale Getreiderat IGC senkte am Donnerstag in seinem Grain Market Report (GMR) gegenüber dem November 2020 ähnlich wie das USDA die Schätzung für die weltweite Maisernte 2020/21 sowie die Maisendlager deutlich, wodurch die Bestände noch stärker schrumpfen. Damit schätzt er auch die gesamte Getreideernte (Weizen, Futtergetreide und Reis sowie Mais) kleiner und den Bestandsabbau größer. Die Lager fallen auf ein Fünfjahres-Tief. Die im IGC-Index erfassten Getreide- und Ölsaatenpreise legten in einer "Rallye" seit November gut 10% auf ihren Höchstwert seit 2013 zu. Die Wiener Produktenbörse startete am Mittwoch mit einem deutlichen Notierungsplus für die Brotweizen in das Jahr 2021. Es bleibt allerdings weiterhin ein deutlicher Abstand zu den Pariser Notierungen.

Marktteilnehmer merken dazu einerseits an, dass die Wiener Börsenkurse die Preise aus der Woche vor der Notierung widerspiegeln, also das jüngste Kursfeuerwerk dieser Woche noch nicht abbilden könnten. Zudem reagiere der Kassamarkt hierzulande immer mit einer gewissen Verzögerung auf die Entwicklungen der internationalen Terminmärkte. Andererseits berichten Marktbeteiligte, die jüngste Unterstützung der Preise komme vor allem vom unteren Qualitätssegment von Futter- bis Mahlweizen, wohingegen höhere Proteingehalte weniger gefragt seien. Bisher seien jedoch Mengen in normalem Ausmaß abgesetzt worden, auch aus Italien herrsche Nachfrage. Mit den jüngsten internationalen Preissprüngen habe jedoch eine gewisse Zurückhaltung der Verarbeiter eingesetzt, weil man dem Trend noch nicht traue. Dennoch sieht man vor allem ab dem zweiten Quartal 2021 noch Bedarf von Mühlen und Industrie offen, und man rechne für spätere Liefertermine des Wirtschaftsjahres noch mit einer Befestigung der Preise im höheren Qualitätssegment.

Wiener Weizennotierungen stiegen - aber weiterhin deutlicher Abstand zu Euronext

Die Wiener Produktenbörse setzte in ihrer ersten Notierungssitzung 2021 die Bewertung von Premiumweizen mit 198 bis 204 Euro/t, also im Schnitt mit 201 Euro/t fest. Das sind um 7 Euro/t mehr als zuletzt am 16. Dezember des Vorjahres. Qualitätsweizen befestigte sich zur Letztnotierung vom 23. Dezember um 9 Euro auf 194 bis 198 Euro/t und Mahlweizen um 9,50 Euro auf 190 bis 195 Euro/t. Dass die Befestigung von den unteren Qualitäten ausgehe, zeige laut Marktbeteiligten auch, dass sich Futterweizeneinfuhren aus dem EU-Raum nach Niederösterreich über den Jahreswechsel sogar um 11,50 Euro/t verteuert hätten. Ungewöhnliche Preisabstände zu den aktuellen Euronext-Notierungen bleiben aber dennoch bestehen. Mahlweizenqualität zur Lieferung im März notierte am Freitagmittag bei 234 Euro/t, Mais bei 215,25 Euro/t und Raps bei 437 Euro/t. Somit bestehen weiterhin 33 Euro/t Preisabstand vom Mahlweizen an der Euronext zum Premiumweizen an der Wiener Produktenbörse. Auch an der CBoT in Chicago ging die Rallye der Weizennotierungen am Freitag in die nächste Etappe.

IGC: Getreide- und Ölsaatenpreise stiegen seit November um 10% auf Höchstwert seit 2013

Quer durch alle Produkte, insbesondere aber angeführt von Mais und Sojabohnen, legte der Getreide- und Ölsaatenpreis-Index des IGC (GOI) gegenüber dem November in einer "Rallye" um 10,3% (+37,9% zum Vorjahr) zu. Dies ist der höchste Stand seit Juli 2013. Der Subindex von Mais brachte es auf ein Plus von 13,4% (+45,6% zum Vorjahr); er wurde getrieben von schwindenden Ernteaussichten in Südamerika und schrumpfender Verfügbarkeit in den USA. Sojabohnen befestigten sich aus ebendiesen Gründen um 10,9% (+51,6% zum Vorjahr). Der Weizen-Subindex verzeichnete dank unterstützender Fundamentaldaten im Bereich der Versorgung und der Einflüsse vom Mais einen Zuwachs von 8,8% seit November (+18,4% zum Vorjahr). Gerste befestigte sich schließlich um 6,4% (+21,6% zum Vorjahr).

Ständig neue Meldungen über Verschärfung russischer Exportrestriktionen

Russland erwäge laut jüngsten Agenturmeldungen vom Freitag unter Bezug auf den Wirtschaftsminister schon ab 1. März sogar die Verdoppelung der am 15. Februar in Kraft tretenden Weizenexportsteuer von 25 Euro/t auf 50 Euro/t sowie auch deren Verlängerung über das Ende des Wirtschaftsjahres 2020/21 am 30. Juni 2021 hinaus. Zudem sollen Ausfuhren von Gerste mit einer Abgabe von 10 Euro/t und solche von Mais mit 25 Euro/t belegt werden.

Die mit Wirksamkeit ab 15. Februar und bis 30. Juni anzuwendende Exportabgabe von 25 Euro/t auf Weizen habe, so Strategie Grains, die Preise am russischen Inlandsmarkt bisher nicht sinken lassen, sondern im Gegenteil wegen weltweit starker Nachfrage die russischen Exportpreise und in ihrem Gefolge die gesamten Weltmarktpreise in die Höhe getrieben.

Ägypten etwa stornierte wegen der unvermittelten Preissprünge und nur einer geringen Zahl von vier Angeboten zur Wochenmitte eine Weizenausschreibung. Aus Russland, dem traditionell größten Lieferanten von Weizen für Ägypten, sei dabei nur ein Offert mit einem fob-Preis für Lieferung Mitte Februar bis Anfang März von umgerechnet gut 259 Euro/t gekommen. Das billigste Angebot sei aus Rumänien mit gut 240 Euro/t fob gekommen.

Enge Weizenbilanz und versiegende Maisimporte stützen Preise in der EU

In der EU stellt sich insbesondere auch die Weizenbilanz sehr eng dar, florieren aber die Exporte auch wegen der Exportbeschränkungen Russlands. Zudem versiegten zuletzt die von dürrebedingter Missernte begrenzten ukrainischen Maisexporte in die Union und wiesen mittel-osteuropäische Exporteure in der EU wie Ungarn keine Überschüsse auf. Im Ausblick von Strategie Grains für die restliche Saison 2020/21 "haben die europäischen Getreidepreise kein Rückzugspotenzial und dürften noch klettern".

Strategie Grains senkt in der Jänner-Analyse gegenüber dem Dezember nochmals die Prognose für die Weizenendlager der EU-28 zum 30. Juni 2021 um 200.000 t auf 10,2 Mio. t (Binnenverbrauch: 110,4 Mio. t, Ratio stock to use: 9,2%), "was historisch schwach ist". Zudem setzt die Analyse trotz des knappen Angebots die Exportprognose um 400.000 t Weichweizen auf 25,1 Mio. t hinauf. Die Exportdynamik der EU könnte 2020/21 sogar noch zusätzlichen Schwung erhalten, wenn Russland wie angekündigt seine Exportrestriktionen noch weiter verschärft.

Für das kommende Wirtschaftsjahr 2021/22 rechnen die französischen Experten damit, dass sich die knappen Getreidevorräte der EU durch eine bessere Ernte wieder erholen könnten, die Preise aber hoch blieben, weil die Nachfrage Chinas die weltweiten Überschüsse begrenze. Insbesondere sollten die Futtergetreideeinfuhren Chinas 2021/22 zu einem weiteren Abbau der globalen Mais- und Gerstenbestände beitragen.

Internationale Befestigung geht vom Mais aus

International geht die Befestigung vor allem vom Mais aus, dessen Versorgungsbilanzen laut Prognosen des US-Landwirtschaftsministeriums von Monat zu Monat knapper werden und neuerlich auf einen Bestandsabbau zusteuern. Dazu kommen Ausfälle bei Ernten durch Trockenheit von der Ukraine über Argentinien bis China sowie zwischenzeitliche Exportbeschränkungen durch die argentinische Regierung. Die Nachfrage Chinas nach Futtergerste und -weizen stützt das Futtergetreidesegment zusätzlich. Allein in Frankreich habe China nach Angaben der Marktordnungsstelle FranceAgriMer in der laufenden Saison 2020/21 jeweils rund 1,6 Mio. t Gerste und Weizen eingekauft.

Trotz der Ausfälle beim Mais und dem Abfall der Maislager auf den tiefsten Stand seit acht Jahren - vor allem in China, den USA und in der EU - reicht es laut IGC mit Rekordernten von Weizen und Gerste aber noch immer für ein Allzeithoch der gesamten Getreideproduktion. Und trotz Corona-Krise mit Dämpfern in der Ethanol- und Bierbranche wächst auch der Verbrauch im fünften Jahr in Folge. Entgegen dem Mais schwellen die Weizenendbestände auf ein Rekordhoch an. Der Zuwachs konzentriert sich aber auf China und Indien, wohingegen sich die Lagerstände der großen Exporteure kaum ändern. Die Sojabohnenernte der Welt steigt 2020/21 um 6% und - unterstützt vom Wachstum der Verfütterung in China - schwingt sich der weltweite Verbrauch um 4% auf ein Alllzeithoch auf. Die Sojaendbestände schmelzen das zweite Jahr in Folge ab, wobei vor allem ein starker Lagerabbau in den USA die Bestände der großen Exporteure um 60% im Jahresabstand auf 10 Mio. t - rund ein Fünftel der globalen Reserven - schwinden lässt, so der IGC.

Ein erster Ausblick des IGC auf die Folgesaison 2021/22 deute für Weizen auf eine Rekordproduktion hin und trotz einer gleichzeitigen Zunahme des Verbrauchs auf einen weiteren Bestandsaufbau. Allerdings werde sich dieser neuerlich auf China und Indien konzentrieren. (Schluss) pos

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