Nach WASDE sorgte Russland mit Markteingriffen für Booster auf Getreidemärkten

Neuer Sprung bei heimischen Weizenpreisen - Hohe Kosten trüben Freude der Produzenten

Wien, 12. November 2021 (aiz.info). - Russland nimmt sich mit Exportsteuern und Quoten selbst aus dem Markt, in der EU leeren sich bei reger Weltmarktnachfrage die Weizensilos, in Australien verzögert Regen die Ernte und die US-Farmer hoffen von alldem mit einer Beschleunigung ihrer Weizenexporte zu profitieren. Dieses gegenseitige Aufschaukeln zündete nach dem mit einer Kürzung der Endlagerprognose für Weizen und überraschend auch Soja bullishen WASDE-Bericht des US-Landwirtschaftsministeriums vom Dienstagabend (aiz.info berichtete) im weiteren Wochenverlauf einen weiteren Booster für die internationalen Weizenmärkte. Der Weizenkontrakt an der Euronext in Paris schoss mit der Annäherung an die 300-Euro-Marke auf den höchsten Stand seit 14 Jahren und der an der CBoT in Chicago auf den höchsten seit neun Jahren. Die Pariser Rapsnotierung durchstieß die Schallmauer von 700 Euro/t und selbst die unter Ernte- und Mengendruck stehenden Maisnotierungen wurden etwas mit nach oben gezogen.

Die UN-Ernährungsorganisation FAO sieht die Agrarpreise auf einem Zehnjahres-Hoch. Am heimischen Kassamarkt tätigten die Wiener Weizennotierungen diese Woche einen neuerlichen Sprung nach oben. Sie vergrößerten ihren ohnehin ungewöhnlich großen positiven Abstand zu den Pariser Terminmarkt-Notierungen zusätzlich. Gleichzeitig setzen da und dort - wie in Osteuropa - ungünstige Bedingungen für den Saatenaufgang sowie teure und schwer lieferbare Betriebsmittel wie Dünger erste Fragezeichen hinter die Ernteerwartungen für 2022.

Freude über hohe Erzeugerpreise von Kostenexplosion getrübt

Extrem gestiegene Düngemittelpreise trüben auch hierzulande die Freude mit den aktuell hohen Erzeugerpreisen. So klagen heimische Landwirte derzeit über Harnstoffpreise von 1.000 Euro/t netto. Laut agrarpreise.at haben sich auf dem Portal erfasste Düngemittelpreise für Harnstoff granuliert aus beliebiger Herkunft, angeliefert in deutsche Ostseehäfen im November, seit Jahresbeginn 2021 von 284 Euro/t auf 833 Euro/t auf fast das Dreifache verteuert. Stark steigende Kosten monierte Landwirtschaftskammer (LK) Österreich-Präsident Josef Moosbrugger am Freitag auch im APA-Interview und forderte Abgeltung über die Preise. Stickstoff-Dünger koste aktuell fast dreimal so viel wie im Vorjahr und auch die Preise für Futtermittel, Energie, Baumaterial, Ersatzteile, Maschinen und andere Betriebsmittel seien deutlich gestiegen.

Der Weizen setzte indes am Freitag an der Euronext die Rallye fort. Nachdem er am Montag dieser Woche (8. November) im Vorfeld des WASDE-Berichts eine kurze Schwächephase eingelegt und für den meistgehandelten Liefertermin Dezember 2021 bei 283,75 Euro/t geschlossen hat, legte er am Freitagmittag neuerlich zu und hielt bei 298,50 Euro/t. Auch Mais verzeichnete da ein leichtes Plus und notierte für den Jänner-Termin bei 241,50 Euro/t nach einem Durchhänger auf 234,75 Euro/t zu Handelsschluss am Montag. Raps zur Februar-Lieferung musste am Freitagmittag von seinen Zugewinnen seit den 678,50 Euro/t wieder eine Spur abgeben und brachte es auf 704,00 Euro/t. Es deuteten sich aber - wie immer vor einem Wochenende - im weiteren Freitagshandel Gewinnmitnahmen an.

Weltweite Weizen-Hausse lässt Preise steigen

Der Pariser Terminmarkt nahm angesichts der weltweiten Hausse zur Wochenmitte auch ohne Wimpernzucken die Meldung auf, dass die französische Marktordnungsstelle FranceAgriMer die monatliche Prognose für den Weizenexport des Landes senkte und die für die Endlager anhob. Demnach werden die Ausfuhren des größten Exporteurs in der EU in Drittländer von 9,6 auf 9,4 Mio. t zurückgenommen und die in andere EU-Länder von 8,0 auf 7,8 Mio. t. So sollen vor allem Futterweizenlieferungen in die Benelux-Länder und nach Spanien kleiner ausfallen. Auch in Frankreich dürfte wegen der hohen Preise mit 4,8 Mio. t um 0,4 Mio. t weniger Futterweizen als in der Vormonatsprognose abgesetzt werden. Dafür dürften die französischen Bauern laut FranceAgriMer heuer die größte Maisernte seit 2014 einfahren und der Produzentenverband AGPM spricht von Rekorderträgen bei 11t/ha.

Die aktuellen Zahlen der EU-Kommission liegen für 2021/22 zum Stichtag 7. November bei 9,787 Mio. t Weichweizenausfuhren auf den Weltmarkt. Dies ist ein Plus von 15,48% gegenüber der Vorjahreslinie, wobei aber in den Daten für 2021/22 seit Juli Meldungen der französischen Zollbehörden fehlen und die Vorjahreszahlen noch die Exporte der EU-28 unter Einschluss des Vereinigten Königreichs enthalten.

Italiens Pasta-Produzenten stöhnen unter dem extrem knappen Angebot von Durum-Weizen und einem damit verbundenen Preisschock. Denn sowohl die Durumernte Italiens wurde zuletzt von der EU-Kommission von 4,3 Mio. t auf 3,7 Mio. t herabgestuft als auch die Ernte des wichtigsten Lieferanten, Kanadas, verdorrte nach bisherigen Statistikmeldungen heuer auf rund die Hälfte des Vorjahresertrages und könnte im Dezember noch weiter nach unten revidiert werden. Auch dem Hartweizen aus den USA geht es ähnlich. Frankreich als europäische Durum-Herkunft wiederum hat nach einer verregneten Ernte nur schlechte Qualität anzubieten. Die Hersteller der begehrten, aus Hartweizen erzeugten italienischen Nudelspezialitäten sähen sich nun mit einer Verdoppelung der Durum-Exportpreise seit Juni dieses Jahres konfrontiert, fürchten das dicke Ende von Versorgungsengpässen und explodierenden Preisen aber erst wirklich im ersten Halbjahr 2022 kommen. An der Warenbörse Bologna notierte Durum aus italienischem Anbau franko Region mit 13% Protein und 80 kg/hl am Donnerstag dieser Woche mit 552 bis 556 Euro/t. Am 12. November 2020 betrug diese Notierung 298 bis 302 Euro/t. Die Malaise der Hartweizenernte 2021 sei eindeutig ein Symptom des Klimawandels, heißt es in der Branche.

Nachfrage nach hoher heimischer Weizenqualität hält an - Preise machen neuerlich Sprung

Mit dem internationalen Aufschaukeln der Märkte und der anhaltend starken Nachfrage nach der Qualität von Premiumweizen aus österreichischer Produktion ging es am Mittwoch dieser Woche auch an der Wiener Produktenbörse weiter nach oben - auch wenn man zuvor schon geglaubt hatte, noch höher gehe es nicht mehr. Premiumweizen legte vor allem an der Oberkante deutlich auf 340,50 bis 375 Euro/t zu, Qualitätsweizen auf 330 bis 357 Euro/t und Mahlweizen auf 290 bis 310 Euro/t. Die Musik spiele beim Premiumweizen, denn Qualitäts- und Mahlweizen seien von der Angebotsseite her mengenmäßig eher unbedeutend, so Marktteilnehmer.

Zwar würden wegen der knappen Transportkapazitäten kaum vordere Termine bedient, doch deckten sich Mühlen im In- und Ausland bereits mit Premiumweizen für spätere Termine. Obwohl aus den östlichen Nachbarländern deutlich billigerer Weizen mit 15% Protein und mehr angeboten würde, seien die Verarbeiter aber bereit, die höheren Preise für österreichische Ware zu bezahlen. Denn diese würde ihren Ansprüchen an die Qualitätsparameter genügen, wohingegen der Mitbewerb trotz Preisvorteilen keine Kundschaft finde.

Maisernte schneller als gedacht - Bauern setzen auf Körnermais anstatt Nassmais

Von der Maisernte hört man, dass sehr gute Erträge und Qualitäten mit niedrigen Mykotoxinwerten eingefahren werden, und die Kampagne dank der raschen Abtrocknung der Bestände nun zügig voranschreite. Der Trockenmaismarkt komme jetzt in die Gänge und Anbieter und Aufkäufer fänden sich zunehmend in der Preisgestaltung. Aus Ungarn hört man, dass dort die industriellen Verarbeiter nunmehr auch aus der lokalen Ernte versorgt würden und nicht mehr auf ausländischen Märkten aktiv seien.

Die Nassmaiskampagne hierzulande dürfte nun doch früher beendet werden als bisher angenommen wurde, weil die Produzenten eher auf die Vermarktung als Körnermais setzten, von dem sie sich trotz Trocknungskosten die besseren Erlöse erwarten als von den Preisgeboten der Verarbeiter von Nassmais. Zwar haben Jungbunzlauer und Agrana die Nassmaispreise diese Woche neuerlich angehoben. Und Agrana soll kommende Woche nochmals auf Netto-Erzeugerpreise für Vertragsware auf Basis 30% Feuchtigkeit frei Rübenplatz von rund 148 Euro/t und frei Werk Pischelsdorf von rund 153 Euro/t hinaufgehen. Netto-Erzeugerpreise frei Erfassungshandel für Trockenmais werden dementgegen - und bei sehr guten Erträgen - nach wie vor im Zentralraum Niederösterreichs mit bis zu 250 Euro/t vermeldet. Im östlichen Niederösterreich werde etwas weniger gezahlt. Von Jungbunzlauer war zu Redaktionsschluss nichts über die Nassmaispreise der kommenden Woche bekannt. Brancheninsider vermuten jedoch, dass auch der Zitronensäurefabrikant die Preise - wie er betont, differenziert nach Herkunftsregionen - um einen ähnlichen Betrag wie Agrana (rund 4 Euro/t) anheben dürfte.

Russland will mit massiven Markteingriffen Export bremsen und Inflation eindämmen

Für den zweiten Preisschub beim Weizen nach dem WASDE-Bericht sorgte zu Wochenmitte der russische Landwirtschaftsminister Dmitrij Patruschew mit der Ankündigung massiver Markteingriffe, um Exporte zu bremsen und die seit fünf Jahren höchste Inflationsrate im Land einzudämmen. Demnach werde die Regierung in Moskau die aktuelle Kalkulation für die Berechnung der Weizenexportsteuer ändern, sollten die zugrundeliegenden Referenzpreise weiter steigen, "sagen wir etwa bis zu 400 USD/t", so Patruschew. Dies wären umgerechnet 349,04 Euro/t. Aktuell berechnet sich der Weizenzoll mit 70% des Differenzbetrags zwischen dem von Händlern gemeldeten Referenzpreis und einem Freibetrag von 200 USD/t (174,502 Euro). Die Abgabe ist für den Zeitraum von 10. bis 16. November mit 69,90 USD/t (60,99 Euro) fixiert. Mitte der Woche wurden leicht gesunkene Exportpreise an russischen Schwarzmeerhäfen für Weizen mit 12,50% Protein zur Lieferung im November von 326,50 USD/t (284,90 Euro) kolportiert.

Zudem will die russische Regierung die Inflation mit einer mengenmäßigen Beschränkung der Getreideexporte bekämpfen. Die Exportquoten sollen ab Mitte Februar 2022 bis zum Ende des Wirtschaftsjahres im Juni verordnet werden. Ihre Größe soll im Dezember auf basierend auf den Ergebnissen der gerade zu Ende gehenden Ernte 2021 und der bis dahin getätigten Ausfuhren festgelegt werden. Der Agrar-Analyst Sovecon sieht den Weizenexport Russlands im laufenden Wirtschaftsjahr 2021/22 zum Stichtag 1. November ohnehin schon 32,2% unter dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Dabei beschleunigt sich der Rückfall hinter die Vorjahreslinie seit Oktober von Berichtswoche zu Berichtswoche. (Schluss) pos
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