Preise aus Ernte 2020 bilden sich wegen Unsicherheiten zögerlich

US-Maisflächenprognose startet Rallye auch bei Weizen - 10,7% weniger Weizen in EU

Wien, 3. Juli 2020 (aiz.info). - Alle Augen sind nach dem Beginn des Wirtschaftsjahres 2020/21 am 1. Juli auf die auf der Nordhalbkugel laufende neue Ernte 2020 gerichtet. Unsicherheiten über Erträge und Qualität lassen die Kassamarktpreise sich nur zögerlich bilden. In Österreich notierte die Wiener Produktenbörse am Mittwoch erstes Getreide der neuen Ernte 2020. Dabei blieb inländische Futtergerste mit 128 Euro/t noch einen Deut unter dem tiefen Niveau von zuletzt alterntiger Ware. Es heißt, der Gerstenmarkt sei nicht nur hierzulande, sondern europaweit überreichlich versorgt und die Preise stünden schon geraume Zeit unter Druck. Weiters fanden Einfuhren von Durum der Ernte 2020 aus dem EU-Raum auf das Kursblatt. Mit 265 Euro/t CPT Niederösterreich (Carriage Paid To, also Warenwert inklusive Transportkosten bis Bestimmungsort) weisen sie jedoch ein ähnlich hohes Niveau auf, wie Hartweizen aus der Ernte 2019.

Vorjähriger Premiumweizen wurde um 4,50 Euro niedriger bewertet als zuletzt vor 14 Tagen. Neuerntiger Futterweizen aus dem EU-Raum kam inklusive Frachtkosten zum Empfänger in Niederösterreich auf 165 Euro/t sowie Futtermais der Ernte 2019 aus dem EU-Raum CPT Niederösterreich auf 162 Euro/t.

Überraschend kleine Maisfläche in den USA löst Rallye aus und zieht auch Weizen mit

Die Terminmärkte bestimmte diese Woche eine überraschend niedrige Schätzung des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) der Maisanbaufläche in den USA. Die bisher als sicher angenommene Rekordmaisernte der US-Farmer steht damit infrage, die Bilanzschätzungen drehten von "extrem schwer" auf nur mehr "schwer". Zudem beginnt sich die Ethanolnachfrage in den USA zu erholen und kauft China allen politischen Verwerfungen mit der Regierung in Washington zum Trotz in den Vereinigten Staaten weiterhin eifrig Mais und Sojabohnen ein. Dies reichte vor allem institutionellen Anlegern, an der CBoT in Chicago eine Rallye der Maiskurse zu starten. Diese riss zur Wochenmitte dann auch den Sojakomplex und die Weizennotierungen - bis hin an der Euronext in Paris - mit sich nach oben.

Mit dem Anstieg der Chicagoer Maisnotierungen setzte die EU-Kommission den seit 27. April eingehobenen Importzoll auf Mais von zuletzt 4,65 Euro/t und in der Spitze 10,40 Euro/t betragend mit Wirkung vom Freitag, 3. Juli, wieder auf null. Ein Nulltarif tritt ebenfalls auf Einfuhren von Sorghum und Roggen in Kraft.

Die Weizenkurse an der Euronext konnten die zuvor verloren gegangene 180-Euro-Marke wieder zurückerobern. Am Freitagmittag hielt der September-Weizenkontrakt als praktisch Ex-Erntepreis mit einem leichten Plus bei 181,75 Euro/t und der schon Lagergeld enthaltende Dezember-Future bei 183,50 Euro/t. Raps zur Lieferung im August lag bei 378,25 Euro/t. Euronext kündigte übrigens an, dass zwei Silos in Rouen wegen Renovierungsarbeiten nicht für die Erfüllung von Lieferungen gegen den Dezember-Weizenfuture zur Verfügung stehen werden. Der Handel an der CBoT ruhte am Freitag wegen des Feiertagwochenendes zum Independence Day. Zuvor war es am Donnerstag nach der Rallye zur Wochenmitte mit 10%igen Kursgewinnen für Mais noch zu Gewinnmitnahmen gekommen. Sojabohnen gewannen dank starker Exporte Richtung China über die Woche mit 3,6% am stärksten seit der zweiten Septemberwoche 2019.

US-Farmer von niedrigen Preisen demotiviert - Trump springt mit Milliarden ein

Das USDA nahm am Dienstag die Schätzung der Maisanbaufläche der US-Farmer gegenüber dem März um 2 Mio. ha auf 37,2 Mio. ha zurück. Das ist die stärkste Revision der Quartalsberichte zwischen März und Juni seit 1983. Ebenso fielen die Flächenangaben für Sojabohnen und die meisten anderen wichtigen Feldfrüchte unter Erwarten aus. Eine wenig rosige Preissituation habe sich demotivierend auf das Anbauverhalten der Farmer ausgewirkt, heißt es. Die Weizenfläche der USA befindet sich überhaupt auf einem historischen Tiefstand. Dafür aber stellt sich Präsident Donald Trump bei den Farmern, auf die er für die Wahl ins Weiße Haus im kommenden Herbst als Stammklientel setzt, mit einem 19 Mrd. USD (16,84 Mrd. Euro) schweren "Coronavirus Food Assistance Program" zur Sicherung der landwirtschaftlichen Produktion und Versorgungskette mit Lebensmitteln ein.

Reuters-Auswertung von 15 Prognosen: 2020 um 10,7% weniger Weizen in EU und UK

Reuters veröffentlichte am Donnerstag eine Auswertung der 15 jüngsten Ernteprognosen für die EU und das Vereinigte Königreich (UK) wie derer der EU-Kommission, von COCERAL, COPA-COGECA, des Internationalen Getreiderates IGC, Agritel, Strategie Grains und anderer. Diese kämen in ihrem Durchschnitt auf ein Minus der Weichweizenernte von 10,7% bei 131,3 Mio. t im Vergleich zum Vorjahr von 147 Mio. t. Dies schmälere dementsprechend das Exportpotenzial der EU.

Dabei fügten die Wetterumschwünge der jüngsten Vergangenheit den Prognosen noch mehr Unsicherheit zu. Die signifikantesten Ernteeinbußen müssten demnach Frankreich, das Vereinigte Königreich und Rumänien hinnehmen, wobei der Pariser Analyst Agritel dazu anmerkt, die bisher berichteten schwachen Gerstenerträge könnten die Prognose für Frankreich sogar noch weiter nach unten drücken. Ähnlich wie 2016, wo in Frankreich die schwächsten Erträge seit drei Jahrzehnten eingefahren worden waren, könnte sich auch heuer das wahre Ausmaß der Ertragsausfälle im Weizen erst während der Ernte offenbaren. Vielversprechender sehe den verschiedenen Analysen zufolge die Situation in Deutschland, Polen, dem Baltikum und Spanien aus. Wobei aber aus anderen Quellen aus Deutschland sehr unterschiedliche Ergebnisse des angelaufenen Gerstendrusches mit zum Teil sehr enttäuschender Kornbildung als Folge von Spätfrösten und Wassermangel im zeitigen Frühjahr vermeldet werden. Dementgegen blicke Russland einer großen Weizenernte entgegen. Insgesamt sei die Lage durch die verschiedenen Wetteranomalien extrem unübersichtlich und lasse starke regionale Differenzierungen erwarten.

Damoklesschwert Corona schwebt über Exportnachfrage - Briten sollen in BRD kaufen

Über dem Markt schwebe nachfrageseitig vor allem für Exporte das Damoklesschwert der Corona-Pandemie, da diese wirtschaftlich vor allem Importeure hart treffe. Zudem versuche der größte Weizenexporteur Russland zurzeit, seinen Fuß in die Tür angestammter Exportmärkte der EU wie Saudi-Arabien und des größten Abnehmers Algerien zu bekommen. Massiv werde 2020/21 das Vereinigte Königreich Weizen - vor allem höherwertigen Brotweizen - importieren müssen. Dies könnte vor allem für Deutschland eine starke Nachfrage nach seinen hochproteinhaltigen Weizen bedeuten.

Schlechte Bonitierungen in Frankreich - Dürre verringert Weizenanbau Argentiniens

Das französische AMA-Pendant FranceAgriMer berichtete am Freitag, 41% der Gerstenfläche seien abgeschlossen und die Weizenernte habe begonnen. Die Weizenbonitierung wurde zur Vorwoche unverändert bei 56% gut und exzellent belassen, ist aber deutlich schlechter als im Vorjahr mit 75% Bestnoten. Die Benotung der Wintergerste verschlechterte sich zur Vorwoche um 1% auf 50% exzellent oder gut und die der Sommergerste um 2% auf 52%. Mit einem Anteil der Bestnoten von 83% sieht es nur für den Mais besser aus als im Vorjahr (79%).

Auf der Südhalbkugel schränkt die vom Westen Argentiniens immer weiter nach Osten ausbreitende Trockenheit den zu rund drei Vierteln fertigen Weizenanbau ein. Die Börse in Buenos Aires setzte in ihrem Wochenbericht die Weizenfläche zur vorwöchigen Prognose um 200.000 ha auf 6,5 Mio. ha herab.

Ukraine verschiebt wegen unsicherer Ertragslage Exportquote

Laut dem Verband der ukrainischen Getreidehändler verschiebe die Regierung in Kiew ihre Entscheidung über eine mit dem Handel "freiwillig" zu paktierende Selbstbeschränkung des Weizenexports 2020/21 auf zumindest 10. August. Es gelte, zuvor Klarheit über die noch unsichere Ertragslage zu erhalten. Als Vorschlag liegen 17,2 Mio. t am Tisch, nachdem die "Quote" 2019/20 auf 20,2 Mio. t festgesetzt und effektiv 20,5 Mio. t ausgeführt worden waren. Dies reflektiert die Erwartung, dass die Weizenernte der osteuropäischen Kornkammer von 28,3 Mio. t heuer auf bis zu 25 Mio. t zurückfallen könnte. Händler und Analysten schätzen, dass davon bis zu 18 Mio. t exportiert werden könnten, ohne Turbulenzen am ukrainischen Binnenmarkt auszulösen.

EU exportierte knapp vor Ende der Saison 2019/20 um 61% mehr Weizen

Aus der abgelaufenen Saison 2019/20 berichtet die Europäische Kommission zum Stichtag 28. Juni die Drittlandausfuhr von 33,433 Mio. t nativem Weichweizen (+63% zum Vorjahr) sowie von 555.174 t Weizenäquivalent in Form von Mehl sowie 1,207 Mio. t nativem und vermahlenem Durum. Damit summiert sich der gesamte Weizenexport der Union bis zwei Tage vor Abschluss des Wirtschaftsjahres auf 35,195 Mio. t (+61% zu 2018/19).

Algerien kaufte am Dienstag aus einer Ausschreibung laut Agenturberichten bis zu 360.000 t Weizen zur Lieferung im September, sollte die Ware aus den Hauptbezugsquellen wie der EU - und hier insbesondere Frankreich - kommen, oder im August, sollte die Herkunft Südamerika sein. Laut Händlerkreisen bezahle die staatliche Getreideagentur OAIC dafür im Schnitt 218 USD/t (193,16 Euro) c&f (cost and freight, also Warenwert und Transport inklusive). Die Zuschlagsmenge gilt für algerische Verhältnisse relativ verhalten. Aus dem letzten bekannten Tender von Mitte Mai schlug Algier rund 500.000 t zu, wofür ähnliche Preise kolportiert werden.

Österreich: Inlandsnachfrage nach Qualitätsweizen, aber noch Zurückhaltung

In Österreich habe es laut Händlern zwar zuletzt größere Nachfrage inländischer Mühlen nach Qualitätsweizen der Ernte 2020 gegeben, doch wage auf Abgeberseite noch niemand, solchen zu kontrahieren. Zu unsicher sei noch die Verteilung und Verfügbarkeit der einzelnen Qualitätsstufen, erinnert ein Marktteilnehmer daran, dass von der vorjährigen Ernte nur ein Fünftel im Qualitätsweizensegment eingefahren worden sei und derart kleine Anteile schnell ausverkauft seien.

Nach der Winterbraugerste liefere auch die im Frühjahr angebaute sehr erfreuliche Ergebnisse in Bezug auf Erträge, Siebung und Protein. Nun hofft man auf eine Stabilisierung der Wetterlage und ein endlich längeres Schönwetterfenster, um mit dem Drusch voranzukommen und Qualitätseinbußen zuvorzukommen.

Zur Ausweitung der Risikorahmen von Kreditversicherungen für Italiengeschäfte gebe es laut Brancheninsidern noch immer keine definitive Einigung und die Gespräche liefen weiter. (Schluss) pos

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