Traum und Wirklichkeit im Lkw-Warenverkehr am EU-Binnenmarkt

Frächter beklagen Quasi-Stopp von Agrartransporten von Ungarn nach Italien

Wien, 25. März 2020 (aiz.info). - Der Leitfaden der Europäischen Kommission zur Harmonisierung der Grenzkontrollen und für einen freien Durchlass für den Warenverkehr mit Lkw im Binnenmarkt scheint zumindest den Ungarn gerissen zu sein, so zunehmende Klagen von Frächtern, die auch aiz.info erreichen. Traum und Wirklichkeit klafften demnach weit auseinander, Maßnahmen der ungarischen Behörden, vor allem Lkw-Fahrer - ausländische sogar im Führerhaus - unter Quarantäne zu stellen, kämen gleichsam einem Stopp im Verkehr mit Agrargütern gleich, so heimische Spediteure, die etwa Getreide von Ungarn nach Italien liefern müssen. Sie rufen immer lauter nach Intervention der zuständigen Ministerien und zweifeln an der Durchsetzungskraft der Europäischen Kommission. Denn: Immer weniger Fahrer stünden wegen der Maßnahmen Ungarns nicht mehr zur Verfügung oder weigerten sich, derartige Fahrten auszuführen, gleichzeitig aber machten der Getreidehandel und die Empfänger, italienische Mühlen, immer mehr Druck, die Transportaufträge auszufüllen. Frächter könnten sich bei Nichterfüllung auch nicht auf Force Majeure (Höhere Gewalt) berufen, da derartige Transporte ja nicht ausdrücklich verboten seien, sondern sogar von der Europäischen Kommission forciert würden.

Verschließt sich der Italienmarkt etwa für Getreide und Mais aus Ungarn, würde diese Menge verstärkt in andere naheliegende kaufkräftige Regionen wie auch Österreich drängen und hierzulande die Preise drücken.

Festsetzung nicht-ungarischer Fahrer über 14 Tage im Lkw "Freiheitsentzug"

Laut Berichten einheimischer Frächter, deren Lkw leer nach Ungarn fahren, dort Getreide laden und nach Italien führen sollten, würden Fahrer, die in den vorigen 14 Tagen in Italien gewesen seien, von den ungarischen Behörden bei Erreichen der Ladestelle 14 Tage unter Quarantäne gestellt. Ungarische Fahrer dürften diese zwei Wochen wenigstens in Heimquarantäne "absitzen". Ausländische hingegen würden für diese 14-tägige Frist an der Entladestelle im Lkw festgesetzt und die Einhaltung der Quarantäne werde von der ungarischen Polizei alle zwei bis drei Stunden kontrolliert. "Das entspricht für mich einem Freiheitsentzug", so ein Frächter zu aiz.info, dessen Lkw jährlich Tausende Tonnen Getreide von Ungarn nach Italien verbringen. Viele seiner Lkw-Fahrer seien Österreicher, Kroaten oder Serben und somit von diesem "Freiheitsentzug" betroffen. "Damit wären innerhalb von Tagen alle Fahrer in Quarantäne. Ich verstehe mehr und mehr die Fahrer, die sich weigern, nach Italien zu fahren", so der Unternehmer, obwohl er sich nicht auf Höhere Gewalt berufen kann.

Italienexport von Getreide für Ungarn und auch Österreich essenziell

Für Ungarns Getreidewirtschaft, aber auch für Österreich und andere unserer Nachbarstaaten, ist der Italienexport essenziell. Das Land muss in der laufenden Saison 2019/20 nach Schätzungen der französischen Analyse Strategie Grains 4,29 Mio. t Weizen und 3,86 Mio. t Mais einführen. 1,15 Mio. t Weizen bezieht Italien aus Frankreich, 1,01 Mio. t aus Ungarn sowie 146.000 t aus Slowenien. Österreich liefert 554.000 t Weizen, Deutschland 445.000 t.

Ungarns Italienexport stabilisiert auch Getreidepreise in Österreich

Die Ausfuhren von Weizen aus Ungarn nach Italien sind ein wichtiges Ventil für den überschüssigen Markt des östlichen Nachbarn. Ungarn erntete 2019 gut 5,2 Mio. t Weizen, wovon es 2,28 Mio. t in andere EU-Länder - davon etwa die Hälfte nach Italien - ausführt. Verschließe sich der Italienmarkt, dränge diese Menge in naheliegende kaufkräftige Regionen wie auch Österreich und drücke hier die Preise. Da Ungarn wie Österreich ein Binnenland ist, bleiben Drittlandsexporte auf dem Seeweg wegen der hohen Transportkosten zu den nächstgelegenen Häfen keine wirtschaftliche Alternative.

Ein ähnlich wichtiges Exportventil ist Italien für die Maisvermarktung und Preisgestaltung in Österreich und Ungarn. Während aus der Alpenrepublik - vor allem aus den transportgünstig gelegenen südlichen Bundesländern - 376.000 t Mais im Wirtschaftsjahr 2019/20 nach Italien rollen sollen, sind es aus Ungarn 1,40 Mio. t von einem gesamten exportierbaren Überschuss von 3,12 Mio. t. Auch diese würden, sollte Italien als Abnehmer wegfallen, zu einem Gutteil auf den österreichischen Markt drücken. (Schluss) pos

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