Weizen-, Mais- und Ölsaatennotierungen korrigierten scharf nach unten

Volatilität verunsichert heimischen Kassamarkt - Dramatisches Bild in Ukraine

Wien, 3. Juni 2022 (aiz.info). - Allein noch immer nur spekulative Hoffnungen, Russland könne einen Korridor für die Verschiffung ukrainischer Exporte über das Schwarze Meer öffnen, sowie Gewinnmitnahmen führten diese Woche zu einer scharfen Korrektur der Kurse von Weizen, Mais und Ölsaaten an den internationalen Terminmärkten. Die Weizenfutures an der Pariser Euronext verloren von Freitag voriger Woche bis Donnerstagabend dieser Woche knapp 8%, die Kontrakte auf Mais alter Ernte 2021 knapp 7% und die neuer Ernte 2022 sogar an die 9% sowie Raps fast 4%. Die starke Volatilität der Terminmärkte verunsichert hierzulande auch den Kassamarkt, weil sie vor allem das Risiko bei der Absicherung von Preisen für Abschlüsse der kommenden Ernte 2022 verstärkt. Aus Ungarn heißt es, die Regierung habe die ursprünglich befristete Kontrolle der Exporte von Getreide, Mais und Ölsaaten mit einem Vorkaufsrecht für den Staat im Falle der Gefährdung der Eigenversorgung nunmehr unbefristet verlängert.

Laut Marktteilnehmern habe dieser staatliche Eingriff in die Freiheiten des EU-Binnenmarktes in der Praxis noch zu keinen Restriktionen im grenzüberschreitenden Agrarhandel geführt, werde aber unter anderem von der EU-Kommission mit Argusaugen verfolgt.

Volatilität verunsichert heimischen Kassamarkt bei Abschlüssen aus Ernte 2022

Zwar seien in Österreich in der abgelaufenen Handelswoche weiterhin Restmengen von Brotweizen alter Ernte gehandelt worden, es kamen am Mittwoch an der Wiener Produktenbörse aber keine Notierungen zustande. Beim Handel mit Brotweizen neuer Ernte 2022 inländischer Herkunft herrsche hingegen große Unsicherheit. Brotweizen neuer Ernte sei daher jüngst vor allem nur aus Importen kontrahiert worden.

Denn inländische Abgeber würden für Premiumware ähnlich hohe Aufschläge auf die Basispreise der Euronext verlangen wie mit bis zu 45 Euro/t aus der alten Ernte 2021. Diese Prämien seien jedoch ungewöhnlich hoch gewesen, weil aufgrund verbreiteter Qualitätsprobleme - etwa in Frankreich und auch Ungarn - österreichischer Premiumweizen der Ernte 2021 ziemlich alleine am Markt verfügbar gewesen sei. Gleichzeitig noch unsicher sei, welche Qualitätsverteilung im heurigen Sommer zu erwarten sei und wie hohe Aufschläge daraus realisierbar sein würden. Zudem haben die stark nachgebenden Euronext-Kurse die Verarbeiter bei der Kalkulation ihres Risikos sehr vorsichtig werden lassen. Der Schlusskurs des Pariser Weizenkontrakts zur Lieferung in Dezember gab vom vorigen Freitag bis diesen Donnerstag etwa von 407,75 Euro/t auf 376,50 Euro/t nach. Brotweizen neuer Ernte sei jüngst vor allem nur aus Importen kontrahiert worden.

Stark gefragt sei hingegen Futtergetreide, nachdem sich Absatzsorgen der Mischfutterindustrie offensichtlich wieder zerstreut hätten. Auch an Mais seien zügig Partien geordert und angesichts moderaterer Preisforderungen der Großteil des Anschlussbedarfs an die neue Ernte gedeckt worden. Mais neuer Ernte sei dementgegen wegen der auch international möglicherweise weiter sinkenden Preise vorerst nur zögerlich nachgefragt. Vom Ölsaatengeschäft wurde wenig bekannt beziehungsweise kaum Umsatz kolportiert.

Ernte- und Exportprognosen für die Ukraine zeichnen ein dramatisches Bild

Während auf internationaler Ebene Gespräche laufen, Russland dazu zu bewegen, die Schifffahrtswege von den blockierten Schwarzmeerhäfen aus für Agrarexporte der Ukraine auf den Weltmarkt wieder zu öffnen, erweisen sich alternative Exportwege über Land, durch Nachbarstaaten zu Ostseehäfen oder über Donauhäfen als noch zu wenig leistungsfähig. Zumal russische Bombardements und Raketenangriffe verstärkt die Eisenbahninfrastruktur der Ukraine ins Visier nehmen - denn über die Schiene laufen nicht nur die Agrarexporte des unliebsamen Mitbewerbers, sondern auch Waffenlieferungen an das Opfer der russischen Aggression.

Ernte- und Exportprognosen für 2022/23 zeichnen ein dramatisches Bild: Der ukrainische Getreideverband (UGA) schätzt, dass die Weizenernte 2022 des wichtigen Weltmarktlieferanten gegenüber den 32,2 Mio. t auf 19,2 Mio. t einbrechen werde. In einer ähnlichen Größenordnung von rund 40% soll die Maisproduktion auf 26,1 Mio. t abfallen sowie die von Sonnenblumen auf 9,0 Mio. t nach 16,0 Mio. t im Vorjahr und die Rapsernte auf 1,5 Mio. t nach 2,9 Mio. t im Jahr 2021. Dabei sagen etwa heimische Marktteilnehmer, sie erwarteten den Produktionseinbruch im laufenden Jahr bei den nach Kriegsausbruch gesäten Sommerungen wie Mais und Sonnenblumen noch stärker als bei den noch zu Friedenszeiten bestellten Winterungen wie Weizen und Raps.

Ein gravierendes Problem erwartet UGA jedoch beim Lagerraum - sowohl aufgrund von Zerstörungen durch die Kriegshandlungen als auch wegen der unterbrochenen Exporte zu erwartenden Überlager von 25 Mio. t Getreide und Ölsaaten, mit denen das Land ins kommende Wirtschaftsjahr 2022/23 zu gehen droht. Bei einer Gesamternte von 66,5 Mio. t sieht UGA 2022/23 im besten Fall eine Exportmöglichkeit von 30 Mio. t. Dies setze jedoch - unabhängig von der Blockade der ukrainischen Schwarzmeerhäfen - eine Verdoppelung der aktuellen Transportkapazitäten voraus. Sollte man dies nicht zustande bringen und bleiben die Häfen der Ukraine geschlossen, könne man kaum mehr als 18 Mio. t Agrargüter außer Landes bringen.

Weltgrößter Weizenimporteur Ägypten erstmals seit Ukraine-Überfall wieder auf dem Markt

Der mit mehr als 10 Mio. t Zuschussbedarf weltgrößte Weizenimporteur Ägypten war mit einer Ausschreibung der staatlichen Getreideagentur GASC diese Woche erstmals seit dem Start des Überfalls auf die Ukraine wieder am Weltmarkt aktiv. Für derartige Einfuhren sowie die Stützung des Brotpreises für rund 70 Mio. Ägypter und den Ausbau von Getreidelagern erhielt die Regierung in Kairo von der Weltbank und der EU umgerechnet rund 560 Mio. Euro.

Damit schlug GASC dieser Tage Lieferungen von 175.000 t Weizen aus Russland, 240.000 t aus Rumänien und 50.000 t aus Bulgarien zur Verschiffung von Ende Juli bis Anfang August zu. Als Preis c&f (cost and freight) wurden umgerechnet gut 448 Euro/t beziehungsweise knapp 413 Euro/t fob (free on board im Ausgangshafen) kolportiert. Dies bedeute eine Preissteigerung von gut 41% gegenüber der letzten Ausschreibung vor dem Ausbruch des Ukraine-Krieges. Algerien kauft zu ähnlichen Preisen 90.000 t Weizen - vermutlich aus Herkünften wie der EU und auch Australien. Die Weichweizenausfuhr der EU beschleunigte sich 2021/22 bis 29. Mai auf 24,6 Mio. t und liegt damit nur noch 100.000 t hinter dem Vorjahreswert zurück.

Widersprüchliche Nachrichten zu Weltmarkt-Versorgung

Zur Versorgung des Weltmarktes in der kommenden Saison 2022/23 wurde diese Woche weiters bekannt, in den USA habe sich die Aussaat von Sommerungen nun beschleunigt und Australien könne im kommenden Winter auf eine dritte Rekordernte in Folge hoffen. Dementgegen gefährden Frost und das sich mit Dürre einstellende Wetterphänomen La Niña in Argentinien die Weizenaussaat und würden nur eine unter den Erwartungen liegende Weizenfläche erlauben.

Indien, das auf großen, allerdings bislang der Sicherung der Eigenversorgung vorbehaltenen Weizenlagern sitzt, sprang im Frühjahr für die Ukraine als Weltmarktversorger ein, stoppte aber die Weizenausfuhren Mitte Mai wieder weitgehend, als sich die Prognosen für seine Weizenproduktion 2022/23 dramatisch verschlechterten. So erlaubte die indische Regierung zwar seit Mitte Mai die Ausfuhr von knapp 500.000 t Weizen, haben aber Exporteure in der Hoffnung auf weiteres Geschäft rund 1,7 Mio. t Weizen ungeschützt - etwa auf Kaianlagen -indischer Häfen aufgeschüttet. Wegen eines ungewöhnlich früh einsetzenden Monsunregens drohen diese nun zu verderben. (Schluss) pos
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