Geschichtliches zur Börse

Der Getreidehandel ist der älteste und bedeutendste Zweig des Handels mit landwirtschaftlichen Produkten. Seine Geschichte ist seit jeher eine sehr bewegte gewesen und war fast immer Marktordnungen unterworfen. Doch hatte die Obrigkeit bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts Interesse daran, dass die Grundnahrungsmittel von den Produzenten möglichst direkt an die Konsumenten gebracht wurden. Getreide war Verwaltungsobjekt.
Unter Kaiser Joseph II. (1741-1790) kam es zu einer Lockerung der Bestimmungen, aber erst 1812 wurde mit Hofkanzleidekret von Kaiser Franz I. der Getreidehandel zum freien Geschäft erklärt. Dies hatte eine Totaländerung des Marktverhaltens zur Folge. Nicht die Produzenten versorgten die Konsumenten und Verarbeitungsbetriebe mit Getreide, sondern diese Funktion übernahm der Getreidehandel, der die Ware an Hand von Mustern an bestimmten Marktplätzen anbot (Kauf und Handel nach Muster).

Die logische Folge war die Schaffung der "Wiener Frucht- und Mehlbörse" im Jahr 1853, die allerdings noch unter der Verwaltung der Markabteilung des Wiener Magistrats stand.

Es dauerte noch weitere 16 Jahre, bis die Bemühungen der damaligen Verantwortungsträger zur Entlassung der Börse aus dem Verband des städtischen Marktdepartements von Erfolg gekrönt waren.

Am 24. Juni 1869 wurde die autonome Börse für landwirtschaftliche Produkte in Wien gegründet.

Ein eigenes Statut, allgemeine Regeln für den Geschäftsverkehr und ein autonomes Schiedsgericht waren die Grundlage für eine rasche Ausweitung der Geschäftstätigkeit und der immer größer werdenden Anzahl von Mitgliedern aus der damaligen österreichisch-ungarischen Monarchie.

Zwangsläufig ergab sich die Notwendigkeit der Errichtung eines eigenen Börsegebäudes. Dieses wurde von Architekt Prof. Carl König im Stil der Neurenaissance geplant und nach einer Bauzeit von nur drei Jahren am 23.8.1890 seiner Bestimmung übergeben.
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Börse_Geschichte © Börse Wien
Die am Gebäude unter der Monumentalgiebelgruppe verewigte Widmung "IN USUM NEGOTIATORUM CUIUSCUMQUE NATIONIS AC LINGUAE" ("Den Kaufleuten aller Völker und jeder Sprache gewidmet"), sollte der Leitgedanke der Börsekammer sein und stets bleiben.

Die Börse wurde täglich von hunderten am Agrargeschäft interessierten Kaufleuten besucht und entwickelte sich rasch zu einem bekannten, internationalen Warenhandelsplatz für landwirtschaftliche Produkte.

Mit dem Zerfall der Monarchie wurde die Tätigkeit zwangsläufig wesentlich eingeschränkt, es gelang jedoch den damals Verantwortlichen relativ rasch, das Ansehen und die Bedeutung dieses traditionellen Hauses als internationalen Handelsplatz wieder zu gewinnen und zu festigen. Bis zur zwangsweisen Schließung der Börse im Jahr 1938 wurden täglich gut besuchte Börsentage abgehalten, an denen auch bedeutsame internationale Geschäfte - Österreich hatte damals noch einen großen Importbedarf an Agrarprodukten - abgeschlossen wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann man im wahrsten Sinne des Wortes aus Schutt und Asche - das Börsegebäude war schwer Bomben geschädigt und der große Börsesaal völlig ausgebrannt - mit viel Energie und Zuversicht den Wiederaufbau. Bereits am 10. November 1948 erfolgte die Neukonstituierung der Börsekammer und am Mittwoch, dem 29.Juli 1949 konnte die erste Börseversammlung nach dem Zweiten Weltkrieg im eigenen Haus in der Taborstraße 10 abgehalten werden.

Seitdem finden die Börseversammlungen regelmäßig am Mittwoch statt.

Präsidenten

Die Präsidenten der Kammer der Börse für landwirtschaftliche Produkte in Wien seit 1869

1869 - 1872    Konstantin DORA
1872 - 1875    Roman UHL
1876 - 1894    Wilhelm NASCHAUER
1895 - 1916    Paul Ritter von SCHOELLER
1917 - 1925    Kommerzialrat Fritz MENDL
1926 - 1928    Hugo HAUSER
1929 - 1931    Kommerzialrat Hermann REIF
1932 - 1933    Kommerzialrat Jakob HANDL
1934 - 1938    Ökonomierat Josef ZWETZBACHER
1939 - 1947    keine Börse
1948 - 1958    Josef RUPP
1959 - 1963    Kommerzialrat Alfred FROMM
1963 - 1976    Ökonomierat Leopold HOLZSCHUH
1976 - 1977    Kommerzialrat Ing. Hermann GRÜN
1978 - 1993    Kommerzialrat Ing. Ernst POLSTERER
1994 - 1997    Kommerzialrat Dipl.-Ing. Kurt ENGLEITNER
1998 - 2009    Kommerzialrat Dipl.-Ing. Rudolf KUNISCH
2010 - lfd.       Kommerzialrat Dir. Dipl.Ing. Josef DIETRICH